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Gang of Four - Content

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von Severin Kolb am Samstag, 12. Februar 2011 in Neuerscheinungen   

Genre: Post-Punk, Funk-Rock  |  Label: Rough Trade/Grönland (Musikvertrieb)  |  Unsere Wertung: 7.0/10

ContentWho Am I When Everything Is Me?
Marxistische Kunsttheorie besagt, dass die Kunst im Dienste der Unterdrückten stehen und eine Besserung der gesellschaftlichen Umstände einleiten soll. Jon King und Andy Gill sich haben sich diese Maxime auch nach über drei Jahrzehnten Bandgeschichte auf die Fahne geschrieben und liefern auf ihrem ersten gemeinsamen Album seit über 15 Jahren den Soundtrack zu deinen Problemen im Jahr 2011.

Eigentlich kommt das Album zu spät. Die Bands, die die Gang of Four 2005 aus der Versenkung gezwungen haben, sind heute nahezu alle wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Auf den Artists-to-watch-Listen befinden sich Maximo Park, Franz Ferdinand, Bloc Party, Arctic Monkeys usw. jedenfalls nicht mehr. Andererseits haben Gill und King bereits mehrere Wellen von Bands, die sich den Sound der Gang of Four zum Teil geradezu plagiatsverdächtig adaptiert hatten, überlebt. Die Red Hot Chili Peppers, deren erstes Album Andy Gill produziert hat, gehören ebenso dazu wie die politisch ähnlich gesinnten Rage Against The Machine. Beispiel gefällig? Flea von den Peppers hat sich gewundert, warum die Gang of Four nicht vor Gericht gezogen sei, weil „Can’t Stop“ von A bis Z geborgt sei. Andy Gill schmückt sich übrigens gerne damit, dass er die Peppers vor dem Abdriften ins rechtsextreme Umfeld der kalifornischen Surf-Nazi-Punks der frühen 80er-Jahre (denen die Dead Kennedys und später Napalm Death ein Denkmal setzten) bewahrt habe. Eine weitere Bekanntschaft der Band aus ihrer Frühzeit ist verantwortlich für den Vertrieb des Albums in Deutschland: Herbert Grönemeyer. Es war ihm eine Herzensangelegenheit, das Album seiner Freunde auf seinem Label Grönland zu veröffentlichen.

Wie bei vergleichbaren Bands (z.B. Wire oder Buzzcocks) stellt sich die Frage, ob es die Gang schafft, auch im dreissigsten gemeinsamen Jahr noch aktuell zu klingen. Die ersten paar Tracks brettern auf gewohnte Art und Weise los, so als lägen zwischen „Entertainment!“ und „Content“ gerade mal ein paar Monate. Sie basieren eher auf dem Groove als auf einem Riff, sind eher Funk als Rock. Doch die Gitarre, die gezielte Noise-Attacken abfeuert, und der Gesang bringen (Post-) Punk-Attitüde in die Songs. Musikalisch ist das nicht wirklich spektakulär und klingt zum Teil wie eine Kopie der Red Hot Chili Peppers, die ihrerseits die Gang of Four kopieren. Doch Ärsche treten können sie auch heute noch.

Auch mit den Texten betritt die Gang kein Neuland, sondern bringt die sozialkritischen Statements der früheren Alben ins Zeitalter 2.0 – gut updated versteht sich. Schon im Titel des Opener verraten sich Gill und King: „She Said ‚You Make a Thing of Me’“, worin es wenig überraschend um die  Vergegenständlichung der Frau geht. Mit „I Party All the Time“ schaffen sie das, worin sich Weezer mit „I Can’t Stop Partying“ versucht hat, nämlich treffende Kritik an der Spassgesellschaft zu schreiben, die selbst Spass macht – hier allerdings ohne den Gast Weezy. „Do As I Say“ wurde durch Gills Beschäftigung mit der Inquisition im 16./17. Jahrhundert inspiriert.

Doch es gibt auch Überraschungen. Der Hype um die androide Mensch-Maschine, der in der Musikwelt zyklisch alle paar Jahre wieder von neuem einschlägt, hat sich auch der Gang of Four bemächtigt. Im Moment vor allem in der glamourösen Popwelt (z.B. auf den aktuellen CDs von Lady Gaga, Janelle Monae, Christina Aguilera, Robyn usw.) beheimatet, ist es überraschend, plötzlich Vocoder-Klänge auf dieser sonst sehr organisch und reduziert anmutenden CD zu hören. Viele Kritiker sehen dies als Versuch der Band, in neuen Bereichen Fuss zu fassen und innovativ zu sein, der aber schlussendlich nach hinten losgeht. Bei der Gang hat die Verwendung des Vocoders nicht wirklich die Funktion, die Klänge der Zukunft zu simulieren, sondern ist ähnlich wie bei Neil Youngs Verwendung des Vocoders in den 80er-Jahren bereits Gesellschaftskritik durch die Verwendung per se. „It Was Never Gonna Turn Out Too Good“ portraitiert die Unfähigkeit eines Arbeiters, Freude und Zufriedenheit angesichts des grausamen Schicksals zu empfinden. Unerwartet ist der Song umso mehr, weil er berührend ist und für einmal nicht die grosse Trommel rührt.

Auch die anderen eher ruhigen Songs tun der CD gut. „A Fruitfly in the Beehive“ ist ein grossartiges Beispiel zu welchen Höhen der metaphorischen Lyrik die Gang of Four gelangen kann. Bei „I Can’t Forget Your Lonely Face“ kommt tatsächlich ein Hauch Melancholie auf, unterstützt durch die Verwendung einer Melodica. An diesen Stellen wird klar, dass ruhigere Songs manchmal mehr erreichen können als laute.
„Content“ mag nicht das Gang of Four-Album sein, das in kollektiver Erinnerung bleiben wird. Dennoch kommt selten ein Album auf den Markt, das einen ehrlicheren Eindruck macht und beim Hören so viele Fragen aufwirft. Die Gang of Four ist und bleibt aktuell. Trotz der Frage „Who Am I?“ ist klar, dass die Band ihren vor langer Zeit eingeschlagenen Weg nicht verlassen hat.

Seit 4. Februar 2011 im Handel.

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Anspieltipps:
> Who Am I?
> A Fruitfly in the Beehive
> I Can’t Forget Your Lonely Face

Diskographie:
> Entertainment! (1979)
> Solid Gold (1981)
> Songs of the Free (1982)
> Hard (1983)
> At the Palace (Live, 1984)
> Mall (1991)
> Shrinkwrapped (1995)
> A Hundred Flowers Blooming (Compilation, 1998)
> Return the Gift (Remixe, Neuaufnahmen, 2005)
> Content (2011)

Ähnliche Künstler:
> Living Colour
> Primus
> Minutemen
> Mission of Burma
> Red Hot Chili Peppers
> Rage Against the Machine
> Bloc Party
> Arctic Monkeys
> Franz Ferdinand
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