Gestern sassen wir im Zug, nur die neue Gisbert und Bier im Gepäck. Schon hunderte Male wollten wir einfach sitzen bleiben, hinter die engstirnigen Hügel und Gedanken gelangen. Treiben. Diese Tage sind so fern von allem, von Hitze und Beton. Wegen ihr. Wir trinken, um uns die Ferne näher zu bringen. Wir strecken den Kopf aus dem Zugabteil und lecken uns die plötzlich salzigen Lippen: Hamburg. Als würden wir geboren werden, drücken wir uns aus dem künstlich kühlen Zug in die ungewisse Stadt. Die grosse Stadt, sie liegt da wie ein verwunderter Vogel. So auch ich, so auch ich. Ich denke und denke wie immer viel zu viel und frage mich, was meine Begleitung wohl denkt. Im Trubel des Kiez, sie von der Masse verschluckt, ich plötzlich alleine, antwortet man mir plattdeutsch aber nicht platt und weist mir den Weg zum Fischmarkt, einem Fest für hungrige Seelen und Trunkenbolde. Treibgut und ein Antreiber, der den gemeinen Fischer zum anpreisen treibt.
Alles führt zum Hafen hin, die Strassen, die Flüsse, die Seefahrerseelen. Monströse Gebilde tun sich vor mir auf. Immer ist da irgendetwas, das mich einlullt und mich lähmt. Rotbackige Kinder tanzen um mich während der Hafenrundfahrt und das letzte, was ich sehe ist das Astraherz auf der vollen Bierflasche, die ich schon halb im Schlaf auf die Reling stelle. Ein Rauschebart mit nordisch herbem Piratenblick scheucht mich vom Schiff. Alleine, von der Fremde geentert und beinahe gekentert, hole ich mir Hering, mehr Astra und verfluche meine Abenteuerlust, hadere mit dem Gleichgewicht und der Orientierung, während der Schweiss in meinen Augen brennt. Und ist es nicht die Hitze, dann meine Dickköpfigkeit oder meine dünne Haut und ich warte auf den Abend und seine kühlende Hand, unten am Fluss, mit den Füssen im Sand und blick auf. Auf die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen, mit Neonlichtaugen und die Container, die fallen unter grandiosem Gepolter in den hungrigen Bauch eines uralten Frachters und mein Herz, es poltert auch. Nimm mich mit, nimm mich mit flatterhafte Demut. Ich schlag deine krummen Flügel um mich. Dieser Kopf, oh dieser Kopf, macht sich viel zu wichtig ohne gründliches Leben. Was wissen wir denn schon von dir? Wir wurden geboren und wir sterben und danach weht der Wind wie immer.
Frei lieg ich da, die Taue gekappt, die Nacht dringt herein. Wo bist du? Höre ich deine Schritte? Ein Mensch geht die Stufen hinunter zum Fluss, legt den Kopf in die Nacht und die Füsse in den Sand und sieht die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen, mit Neonlichtaugen und die Container, die fallen unter grandiosem Gepolter in den hungrigen Bauch eines uralten Frachters und ihr Herz, es poltert auch.
Und ich hoffe es verirrt sich nicht, so verwirrt wie es ist, auf dieser endlosen Suche nach ein bisschen mehr Licht, was auch immer es dann ist.
Seit 30. April 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Kräne
Diskographie:
> Gisbert zu Knyphausen (2008)
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