Herr Christophe H. Müller, einer der drei Projektleiter – bekannt als Kopf von Touch El Aarab mit dem Schweizer-Hitparaden-Überhit „Muhamar“ (Single-Charts Platz 4 in 1987) – ist nämlich Schweizer, in der Tat. Tja, somit haben wir neben Yello, den Young Gods, Celtic Frost und Krokus noch weitere Internationalhelden, eben solche aus dem Territorium in Wildschweinform. Und die Kreise ziehen sich noch enger: Erschienen war „Muhamar“ damals auf dem frisch gegründeten, schweizerischen Indie-Label Lux.-Noise (http://www.luxnoise.com/catalog/index3.html) des Michael Hediger (heute Schlagzeuger bei Zamarro), der jüngst die Platten von Bands wie Lunazone oder Pub La Bomba herausgab. Bei den beiden Letzteren trommelte Steff Hell (Back From Brazil), wie er dies bis Sommer 2005 auch bei Fugo – meiner Wenigkeit seine Band – tat.
Tja man kann sagen Me Myself And I sei mit dem Gotan Project per Du, ha!!!
Genug des Vorgeplänkels jetzt. Rann an die Bulette:
Obwohl’s nicht wirklich die zweite Scheibe des Projects ist, kann man „Lunático“ als eben solche verstehen und die ist – nach solch’ furiosem Vorgänger wie „La Revancha Del Tango“ einer war – eben eher schwierig und kompliziert in ihrer Vorbereitung und Erstellung. Doch ein Versagen unter Druck kann hier – rund fünf Jahre nach dem Riesenerfolg – in keinster Weise konstatiert werden. Das Neuaufbereiten des klassischen Tangos durch die perfekte Verschmelzung der typischen Instrumentierung wie Akustikgitarre, Harmonika (eigentlich Bandoneón, gespielt von Nini Flores), Piano, Kontrabass, und Rim-Shot-Drum mit neuzeitlichen Electronica- und Sample-Elementen verleihen den Tracks nach wie vor eine ganz natürliche Moderne, ohne aufgesetzt oder erzwungen zu klingen. Der Gesang von Frau Cristina Vilallonga holt einem so dann das argentinische Kulturerbe in die gute und aber doch vegetarische Wir-spielen-jetzt-grad’-an-der-WM-Stube. Auch die elektrifizierten Gitarreneinsätze des Herrn Joey Burns (Calexico) überzeugen vollends und bereichern den bereits so reichhaltigen Klangteppich des Gotan Projects zusätzlich (übrigens Gotan = Tango, wobei die beiden Wortsilben Tan und Go in der Reihenfolge vertauscht sind --> Wortspielerei, resp. rauer Dialekt der Hafenarbeiter aus Buenos Aires, you know?).
Das grösste Manko jedoch beschreibt – wenigstens auf „Lunático“ – die einstweilen Einzug haltende Gleichförmigkeit der Klangkulisse. Vielleicht liegt’s am Tango itself, weiss ich irgendwie spontan nicht. Jedenfalls erschöpft sich mir diese Art der Musik nach rund der halben Spielzeit, egal ob von vorne oder von hinten oder Random Play. Es sind auch weniger die einzelnen Tracks, denn das Gesamtkonstrukt... Eine halbe Stunde, mehr scheint nicht zu gehen. Sollte es nun den Anschein machen, alle Songs seien etwa gleich durchschnittlich, dem ist mitnichten so. Track Nr. 1 „Amor Porteño.“, Nr. 8 „La Vigüela.“ und Nr. 10 „Arrabal.“ erachte ich schon für ziemlich sehr gelungen. Daneben gibt’s haufenweise Gutes und cirka zwei eher müde Tänzchen...
Wer Tango mag, der ungezwungen ins neue Jahrhundertkleid gehüllt wurde, sei zum Kaufe verpflichtet. Die Anderen nützen die Scheibe fürs Candle Light Dinner und ich höre mir zuerst die erste und nach dem Pausentee die zweite Halbzeit an. In diesem Sinne: Hopp Schwiiz, hopp Christophe H. Müller!
Seit 10. April 2006 im Handel.
Anspieltipps: Amor Porteňo., La Vigüela., Arrabal.
Trackliste: 1) Amor Porteño.; 2) Notas.; 3) Diferente.; 4) Celos; 5) Lunático.; 6) Mi Confesión.; 7) Tango Canción.; 8) La Vigüela.; 9) Criminal.; 10) Arrabal.; 11) Domingo.; 12) Paris, Texas.
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Bio:
Philippe Cohen-Solal, Eduardo Makaroff und Christophe H. Müller, dies die Namen der Protagonisten des Gotan Projects, resümieren noch heute, dass sie exakt mit jenem Projekt, mit dem sie am wenigsten kommerzielle Absichten verfolgten, bis dato am meisten Erfolg haben.
Aller Anfang nimmt die Geschichte mit einer 1’000er Auflage!!! Der Maxi „Vuelva Al Sur“, welche fortan bei den Herren DJs Gilles Peterson, Matthew Herbert und Peter Kruder sogenannte Heavyrotation erlangen. Das darauf erscheinende full-length Album „La Revancha Del Tango“ verkauft sich 1 Mio. mal und macht das Gotan Project zu Megasellern.
Bis heute sind verschiedene Tracks für mehr als zwei Dutzend Sampler lizenziert – der Erfolg hält an und zwar ununterbrochen! Auch die alte argentinische Tango-Garde – ähnlich der Aarauer Rock-Polizei – zeigt sich begeistert von der respektvollen Neuinterpretation – Akzeptanz an allen Fronten. So kommt es auch, dass es unterdessen am alteingesessenen Tango-Festival in Buenos Aires eine Nacht mit elektronischem Tango gibt!
Ob denn die Erlösung nach fünfjähriger Abstinenz („Inspiracion Espiracion“ von 2004 war „lediglich“ ein Bastard aus alten Tango-Traditionals und Dancestücken) „Lunático“ heissen kann, gilt es nun zu überprüfen!