"One Life Stand" ist die logische Konsequenz aus "Made in the Dark’"
Der Pop-Olymp wird mit grosser Wahrscheinlichkeit endgültig erobert.
Mit Brüllern wie ’And I Was a Boy From School’, ’Over and Over’ vom Album ’The Warning’ oder ’Shake a Fist’ und ‘Ready for the Floor’ aus ‘Made in the Dark’ eroberten die quirligen Briten die Herzen so mancher Wochenendtänzer. Und soviel Ehrlichkeit sei erlaubt: An einem Konzert in München vor etwa 2 Jahren bewegte sogar der hier schreibende, trotz tiefer Überzeugung, dass wer tanzt kein Geld zum Saufen hat, mehr schlecht als recht sein Hinterteil. Hot Chip revolutionierten mit ihrer ungekünstelt fröhlichen, unkomplizierten und eingängigen Art des kreativen elektronischen Musizierens den Elektropop. Die Ideenvielfalt Alexis Taylors kennt allem Anschein nach kaum Grenzen.
’One Life Stand’ macht nach ’Made in the Dark’ einen weiteren, jedoch absehbaren Schritt in Richtung Mainstream. Die Alternative-Gemeinde schreit auf und trauert dem verlorenen Kind nach, mässig interessierte Radiokonsumenten entdecken die Band spätestens jetzt und verstärken den anhaltenden Hype. Aber keine Angst, der hier zu hörende Pop bewegt sich auf hohem Niveau.
Das Album startet mit ’Thieves in the Night’ in Hot Chip typischer Manier mit einer Tanznummer. Eingängiger Discobeat mit 80er Charme, dazu Taylors niedliche Säuselstimme. Der Song weckte bei mir kürzlich das irrwitzige Bedürfnis nach ausgiebigem Aerobictraining, welches ich selbstverständlich nicht befriedigte. ’Hand Me Down Your Love’ kommt ebenfalls mit basslastigem, mittels Piano betontem Discobeat, charmantem Gesang, friedlichen Streichersamples im Refrain sowie Ohrwurm-Chorus daher. Abzug gibts hier jedoch für die kitschigen, Mickey-Mouse-ähnlichen Stimmsamples. ’I Feel Better’ schlägt dann meiner Ansicht nach deutlich unter die Gürtellinie. Der stark an Eurythmics erinnernde Synthiebeat geht noch knapp durch, der mittels Vocoder unangenehm zerrissene Gesang macht den Song jedoch zur akustischen Tortur. Der Vocoder-Gesang weckt nicht verdrängbare Gedanken an Cher und führt entsprechend zu unangenehmem Schaudern. Irgendwann rutscht der Beat, unterstützt von karibisch anmutenden, Steel-Drum-ähnlichen Klängen, in Richtung Raggaeton, die Cher-Effekte werden beibehalten. Geschmackssache. Leider wird dieses Karibik-Gefühl, zwar eine Spur dezenter, auch im Titeltrack ’One Life Stand’ beibehalten. Dieser gefällt dank gemässigtem Beat und kühlen Synthies jedoch besser. Mit ’Brothers’ folgt eine erste wavig-soulige (was für ein Begriff…) Abkühlung, die wiederum stark an Eurythmics erinnert. ’Slush’ ist eine pianolastige, äußerst friedliche Ballade mit wunderbarem, zweistimmigem Refrain. Auffällig und gleichermassen witzig sind die von Taylor gesungenen, komplett beknackten ’Hamanahamanahamana…’-Backvocals. ’Alley Cats’ ist wiederum ein niedlicher, ziemlich unscheinbarer Indiepopsong ohne Ecken und Kanten. Bei ’We Have Love’ geht der Beat in Richtung Dubstep, die Samples fallen nicht zwingend kreativ aus, die Melodie passt wiederum besser ins Radio als auf die Tanzfläche. ’Keep Quiet’ ist eine weitere, diesmal von Alexis Taylor und Joe Goddard im Duett gesungene, dank sauberem Klangteppich atmosphärische Ballade. Mit dem leicht düsteren, vom New Wave der 80er inspirierten ’Take It In’ endet ’One Life Stand’ nach 50 Minuten.
Die hohen Erwartungen wurden leicht enttäuscht. Die Platte macht weniger Spass als ihre Vorgänger, hat relativ viele ruhige Momente und erreicht auch in Bezug auf die Ideenvielfalt die Vorgängeralben nicht. Bezüglich kreativer Beatbasteleien etwas sparsam, insgesamt weniger frech, dafür gesanglich vielseitiger bzw. abgerundeter. Wie bereits erwähnt: sauberer Elektropop auf hohem Niveau.
Seit 29. Januar 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Hand Me Down Your Love
> Slush
> Keep Quiet
Diskographie:
> Coming on Strong (2004)
> The Warning (2006)
> DJ Kicks (2007)
> Made in the Dark (2008)
> One Life Stand (2010)
Ähnliche Künstler:
> Fujya & Miyagi
> Klaxons
> The Rapture
> Cher