Genre: Akustik | Label: Haldern Pop Rec. (lautstark) | Unsere Wertung: 7.5/10
Mit dem Herz als Taktstock
Die
Scheune scheint ja schon immer Entstehungs- und Anlegepunkt gewesen zu
sein. Nicht nur Bon Iver`s „For Emma, Forever Ago“, ja bekanntlich Jesus
selbst kam dort zur Welt. Grund genug, es den beiden gleich zu tun.
Gaëtan Vandewoude gründet zusammen mit Naïma Joris und Gianni Marzodie
die Isbells, schliesst sich nachts in seiner Scheune ein und
veröffentlicht nach 15 Jahren Musiker-Dasein seine ersten
Eigenkompositionen.
Gemeinsames Fundament der 9 Songs ist die aufs Akustische reduzierte Gitarrenbegleitung und Gaëtans schwermütige Stimme, die sich ehrlich und authentisch einmal durchs ganze Sortiment hindurch singt – Wohin treiben wir die Welt, wo finde ich Vergebung und wie sagt man jemandem, dass man ihn nicht mehr liebt? Die Antwort zur letzten Frage gibt "Time`s Ticking" mit einem Text, der eigentlich im Gebiet des Simplen umher plätschert, wäre er nicht mit solch einer vertrauten Nähe gesungen, dass man zweimal leer schluckt. „You got to go / cause I don`t need you anymore.” Wie erträgt man so einen Satz? Wahrscheinlich gar nicht.
Aber zurück zum Beginn der Platte, denn das eigentliche Herzstück findet man bereits mit "Reunite". „But in the end we somehow / we always end up without / marks that don`t allow / us to reunite. / I better run / cause I don`t know if we will make it through this one“. Man rennt mit dem Herz in der Hand – weit weg von all den bösen Geistern, vor denen man sich eigentlich gar nicht verstecken kann. Die Komposition lässt dabei mutig Platz für unbestimmte Momente, in denen der Hörer kurz im praktisch luftleeren Raum gelassen wird, nur um anschliessend wieder im gewohnten Trab weiterzulaufen und alles in die Isbell`sche Klangwelt hineinzuziehen. Alles richtig und gleichzeitig alles besser gemacht als viele vorher. Einen weiteren Höhepunkt markiert "B.B Chevelle". Hier wird das Instrumentale zur blossen Akzentuierung eingesetzt – frei von jeglichem Zwang. Die Töne sind da, wo sie gebraucht werden und manchmal sind nur so wenige von ihnen gesetzt, dass sie gerade noch die Melodie zusammenhalten. Gleichsam wird auch hier die instrumentale Vorwärtsbewegung für einige Atemzüge gebrochen - ohne Angst den Hörer zu verlieren. Was dabei entsteht, ist eine Wirkung, die einem stellenweise den Atem nimmt. Dass man zwischendurch das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos hört, wirkt an dieser Stelle nicht laienhaft, sondern unterstreicht den warmen, ehrlichen Charakter des gesamten Albums.
Mit "I`m Coming Home" und "Dreamer" finden sich aber trotz all dem Zauber zwei Stücke, die nicht ganz an die kompositorischen Qualitäten der anderen Songs anknüpfen können. Da wünscht man sich an manchen Stellen mehr Abwechslung oder ein bisschen mehr von dem unbekümmerten Fluss, der in den anderen Songs immer wieder die Führung übernimmt. Als weiterer Kritikpunkt kann man einräumen, dass die über die Platte verteilten Background Vocals stellenweise zu dominant wirken. Zwar dienen sie als Unterlage und gleichermassen als Rahmen, der der Musik den nötigen Halt und die beständige Richtung gibt – wirken aber beim mehrmaligen Durchhören der Scheibe zu eintönig.
Aber zweifelsfrei; fern vom übertriebenen Pathos steht hier ein Album, das vor zarter Intimität beinahe schmerzt. Manchmal fühlt es sich an, als ob man eine Muschel ans Ohr hält, dann wieder als ob man nachts alleine den Platz einer leer stehenden Kaserne überquert. Beständig ist einzig das Gefühl, auf subtile Art und Weise berührt zu werden.
Seit 25. März 2011 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Anspieltipps:
> Reunite
> B.B. Chevelle
Diskographie:
> Isbells (2009)
> Isbells (re:2011)
Ähnliche Künstler:
> Bon Iver
> Elliott Smith
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