Vorneweg: Haben wir überhaupt das Bewusstsein, um diese Musik so wahrzunehmen, dass wir etwas dabei empfinden? Ist das Einstellungssache oder ist die Idee gut, aber die Welt noch nicht bereit? Bereits sicher ist, dass das neue Album des in Berlin lebenden Soundtüftlers "Kosmischer Pitch" heisst und auch kosmisch klingt. Grob gesagt schwirren wir in Klangwelten herum, und verlieren dabei den Boden unter den Füssen: das Vielschichtige zieht uns nach oben, das Minimale hält uns fest, ein Widerspruch, ein Kampf, nach dem die Musik von Jan Jelinek so überhaupt nicht klingen mag. Vielmehr bilden das knorrige Gerüst und die schüchterne Melodie, die jeweils zuerst hinter dem Häuschen wartet, eine gelungene Kombination, die nach einem Ganzen klingt. Die intensiv-trägen Loops gehen aber noch einen Schritt weiter und vermögen - ohne sich aufzudrängen - jegliches Zeit- und Raumgefühl des Hörers auszulöschen. Eine Hommage an die Essenz, sozusagen, und auch eine Hommage an die Musikgeschichte, denn "Kosmischer Pitch" ist durchaus als Zitatmaschine zu verstehen, wenn auch die meisten Anspielungen kaum hörbar sind: Nur ganz fein werden z.B. Gitarreneffekte des Krautrocks (der Siebziger) eingeschoben. Nicht nur diese Andeutungen sind rätselhaft, auch das erschlagend zeitlose Coverphoto und Tracknamen wie "Lemminge und Lurchen Inc." oder "Western Mimikry" bleiben schön mysteriös. Einfacher zu interpretieren ist der starke Opener "Universal Band Silhouette": Jelinek auf der Suche nach der universellen Musik, die überall zu jeder Zeit für alle stimmt und davon sind nur die Umrisse (Silhouette) zu hören, die Grundstruktur ist erst geplant und entworfen, aber noch nicht zu Ende ausgearbeitet. Was hier nach Forschung und Suche klingt bzw. klingen soll, ist vom ersten bis zum letzten Effekt perfekt durchkomponiert. Jan Jelinek macht also fast alles richtig (manchmal dürfte er etwas radikaler auf den Punkt kommen), nur schwebt "Kosmischer Pitch" leider an zu vielen Stellen in einer anderen Dimension. Gut möglich, dass unser Bewusstsein irgendwann in der Lage sein wird, diese (T-)Raumwelt besser zu verstehen und inniger aufzunehmen. Jelinek hat den ersten Zug gemacht, jetzt sind wir an der Reihe.
Seit 21. Oktober 2005 im Handel.
Anspieltipps: Universal Band Silhouette; Im Diskodickicht
Trackliste: 1) Universal Band Silhouette; 2) Lemminge und Lurchen Inc.; 3) Im Diskodickicht; 4) Vibraphonspulen; 5) Lithiummelodie 1; 6) Planeten In Halbtrauer; 7) Western Mimikry; 8) Morphing Leadgitarre Rückwärts
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Bio: Seit seiner Kindheit beschäftigt sich Jan Jelinek mit Musik. Er liebt Dub, Jazz, Funk, Soul, den je spezifischen Sound dieser Musik. Mit House kam dann die Initialzündung: Er erkennt die Möglichkeit, mit diesem musikalischen Wissen spielerisch umzugehen: Jelinek entwickelt eine Methode, das Pathos alter "Motown"-Platten in abstrakte, reduzierte Elektronik zu transformieren.
Nach seiner ersten experimentellen Phase erscheint 2001 sein Debütalbum "Loop-Finding-Jazz-Reocrds", wo alte Jazz-Platten als Klangquellen dienten. Mit "La Nouvelle Pauvreté" wird der Berliner dann erstaunlich transparent, erstmals kommen auch Zitate aus der Rockmusik hinzu, ohne dass Jelineks Musik jedoch rocken würde. Er erfindet eine fiktive Begleitband, The Exposures, und hinterfragt damit zugleich die Entstehungsbedingungen von Musik als kollektivem Prozess.
Der in Berlin lebende Jelinek ist unermüdlich als DJ, Musiker, Produzent und Remixer tätig. Er arbeitet mit Künstlern wie Sarah Morris oder dem Schriftsteller Thomas Meinecke zusammen, spielt unter seinem Farben-Pseudonym Laptop-Livesets in Clubs oder kollaboriert mit Improvisationsgruppen wie dem japanischen Trio Computer Soup sowie der australischen Jazz-Formation Triosk.
Diskographie: > Loop-Finding-Jazz-Records (2001)
> La Nouvelle Pauvreté (2003)
> Kosmischer Pitch (2005)