Genre: Synth Pop | Label: Dead Oceans (Irascible) | Unsere Wertung: 6.5/10
Mmm, Zuckerwatte!
„Slow Dance“, das zweite Album des amerikanischen Jungspunds Jeremy Jay, besitzt definitiv einen gewissen Suchtfaktor. Dabei sind es aber vor allem die ersten drei Songs, die für den ziemlich durchschnittlichen Rest der Platte entschädigen.
Das Feuerwerk wird ohne Vorwarnung gleich zu Beginn mit dem fantastischen „We Where There“ gezündet, ein Song, bei dem selbst ich mich liebend gern unter die Discokugel stellen würde. Treibende, coole, minimalistisch instrumentierte Beats erinnern an die guten alten Zeiten des New Waves. Doch Jeremy Jay und seine Kollegen Derek James (Bass), Nick Pahl (Drums) und Ilya Malinsky (Guitar, Synth) lassen eben nicht nur explosive Raketen in die Luft, sondern spielen auch gerne mit süssen Zuckerstöcken. Womit wir bei den Texten wären, die tatsächlich irgendwo zwischen Romantik und Kitsch herumtraben („Gallop“, „Winter Wonder“).
Zu viel Zucker schadet den Zähnen und manchmal auch den Ohren, wie im Fall von Jeremy Jay. Manchmal, wenn ich mich ein bisschen zu stark auf die Lyrics konzentriere, empfinde ich „Slow Dance“ fast ein bisschen zu klebrig, wobei nicht auszuschliessen ist, dass Jeremy Jay ganz bewusst diese süssen Bilder heraufbeschwört. Zum Beispiel in „Breaking the Ice“ : „You draw me and I’ll draw you / We’ll draw a mystery in a breath of air“. Doch eigentlich sind die Texte auf „Slow Dance“ eher zweitrangig, man tut so gut daran, sich aufs Musikalische zu fokussieren, selbst wenn Jeremy Jays Lyrics ganz süss sind.
Wie auch immer: Jeremy Jay vermischt auf „Slow Dance“ geschickt coole Beats mit romantischen Texten und schafft damit eine solide Mischung, was man vielleicht als Disco-Romantik bezeichnen könnte- Er trifft bestimmt den Geschmack von vielen potenziellen Tanzbeinen, wobei „Winter Wonder“ mit den etwas übertriebenen Wortwiederholungen ein bisschen einschläfernd wirkt. Jeremy Jay bestampft mit seinen Songs nicht gerade neue Wege in der breiten Musiklandschaft, dafür trägt er einen zu schweren Rucksack offensichtlicher Vergleiche. Klar, ihn gleich mit dem jungen David Bowie zu vergleichen, scheint mir dann doch etwas zu schmeichlerisch, aber tatsächlich ist auf „Slow Dance“ das eine oder andere Tänzchen in dieser Schublade erlaubt. Und auch einige Basslinien von Derek James erinnern mich gerne an die frühen The Cure, vor allem an
„Faith“, eines ihrer grössten Alben.
Derek James war mir vor dieser Rezension sogar ein grösserer Begriff als Jeremy Jay, hatte ich doch mal eine kleine Lieblingsband auf MySpace entdeckt, Black Umbrella, mit eben jenem Derek James als Bandleader. Von einem noch viel grösseren Bandkopf wurde Jeremy Jay bei den Aufnahmen der Platte unterstützt: Calvin Johnson von den unglaublich tollen Beat Happening. Ja, ein bisschen Fremdgehen, gerade in musikalischer Hinsicht, erlaube ich mir hier.
Doch zurück zu Jeremy Jay und seiner Band, die sich mit ihrem neuen Album „Slow Dance“ durchaus gute Noten verdienen und dabei das Eis von Anfang an ziemlich schnell brechen, um den Hörer danach gekonnt mit Zuckerwatte einzulullen und warm zu halten...Ein gelungenes Werk, das definitiv einige musikalische Erinnerungen weckt.
Seit 20. März 2009 im Handel.
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Anspieltipps:
> We Where There
> In This Lonely Town
> Gallop
Diskographie:
> A Place Where We Could Go (2008)
> Slow Dance (2009)
Ähnliche Künstler:
> David Bowie
> Bobby Cohn
> Marc Almond