Jesse Sykes hat sich mit verschiedenen Kollaborationen in den letzten
Jahren ins Visier von Musikfans (wie mir) gespielt, die attraktive
Frauen mit umgehängter Akustikgitarre sonst meiden wie der Teufel das
Weihwasser. Ein Erfahrungsbericht.
Bald zwei Monate liegt das Veröffentlichungsdatum von "Marble Son", dem neuen Album von Jesse Sykes & The Sweet Hereafter zurück. Ein Album, das sowohl Zeit braucht, um mit ihm näher vertraut zu werden, teilweise aber auch direkt ins Ohr geht und sich dort lästig einnistet. Insgesamt ist es ein schlüssiges Werk und ein sicher zeitloser Musikgenuss für beschauliche Stunden.
Gleich zu Beginn möchte ich darauf hinnweisen, dass sich die Band hinter Frontfrau Jesse nicht im Geringsten zu verstecken braucht. Hier handelt es sich nicht um irgendwelche Begleitmusiker, The Sweet Hereafter sind eine eingespielte Truppe, die das Spiel mit Dynamik und Intensität so gut versteht wie die gewieftesten Postrockbands, ohne dabei ins Theatralische zu kippen oder Jesse Sykes meist zurückhaltenden Gesang zuzukleistern.
Insbesondere die verschiedenen Gitarrensounds, die harmonisch mit- und nebeneinander erklingen sind beeindruckend und dokumentieren die langjährige Erfahrung vom Phil Wandscher (Ex Whiskeytown), der bereits seit Jahren an der Seite von Jesse Sykes spielt und komponiert.
Der Opener "Hushed by Devotion" ermöglicht einen langsamen, stimmungsvollen Einstieg mit dosierten Feedbacks, unterschwelligen Drones und einem psychedelischen Sixties-Feeling. Die Stimme von Jesse nimmt einen sofort in Bann, zwingt einen zum Hinhören. Eine Spannung liegt in der Luft, ohne dass musikalisch viel passiert. Scheinbar haben die Kollaborationen und Touren mit Earth, Black Mountain oder auch SunnO))) und Boris In den letzten Jahren deutliche Spuren hinterlassen. Zum Ende des Songs fühle ich wie zurückversetzt in die Seventies, denke an Black Sabbath oder Blue Cheer, die mit knarzig verzerrter Gitarre noch vor Blues-Einflüssen triefende Soli fiedelten.
Auch der nachfolgende Titeltrack atmet diesen Geist. Hier erinnert mich die Stimmung an die alten Soundgarden, die es ebenfalls verstanden, im eigenen Sound ihren Idolen ohne Anbiederung Tribut zu zollen. Jesse Sykes mehrstimmiger Gesang dominiert das Klangbild, das lange Zeit nur durch eine Gitarre ergänzt wird.
Zu den eingangs erwähnten direkt ins Ohr gehenden Songs gehören beispielsweise "Ceilings High" und "Pleasuring the Divine." Diese sind jeweils mit einer leitenden Gitarrenmelodie ausgestattet, die sich mit der unangenehmen Dringlichkeit eines schreienden Kleinkindes ins Ohr pflanzt...das macht vielleicht Spass zum Spielen, man kann das auch als Qualitätsmerkmal gelten lassen, mich lässt es eher mal die Skip-Taste am Cd-Player betätigen. Ich empfinde die ruhigen Songs und Passagen sind raffinierter komponiert und variantenreicher gespielt.
Mit "Your Own Kind" findet dieses Album zum instrumentalen Höhepunkt des Albums. Nach kurzem Aufbau wird einem als Appetizer schon mal die Gitarrenmelodie durch den Gehörgang gespült, die einem nach vier weiteren Minuten, den letzten Schmalz verflüssigt...Ein harmonisch wunderbar gestalteter Schluss der jeder Postrockband zur Ehre gereichen würde. Zum Glück wird der Track ausgefadet, alles andere wäre ja kaum auszuhalten...
"Wooden Roses" wird schliesslich dem Bandnamen gerecht, ein süsser Abschluss, wie ein Wiegenlied, das einen aus diesem zauberhaften Album wieder in die andere Welt entlässt.
Auf "Marble Son" spielen Jesse Sykes And The Sweet Hereafter das Potenzial der leisen Töne gekonnt aus: Mit wenigen Noten, ausgehaltenen Klängen, gezielt eingesetzten Effekten, Feedbacks und Drones schaffen sie eine Atmosphäre, die mit dem betörenden Gesang eine vielfältige Synergie eingehen.
Seit 11. März 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Marble Son
> Your Own Kind
Diskographie:
> Reckless Burning (2002)
> Oh, My Girl (2004)
> Like, Love, Lust and the Open Halls of the Soul
> Gentleness of Nothing (2008)
> The Tempest, EP (2009)
> Marble Son (2011)
Ähnliche Künstler:
> PJ Harvey
> Woven Hand
> Steve von Till