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Joanna Newsom - Have One on Me

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von Philip Leu am Freitag, 26. Februar 2010 in Neuerscheinungen   

Genre: Avant-Garde  |  Label: Drag City  |  Unsere Wertung: 9.5/10

Have One On MeAbschweifen
Wenn die Musik das Leben schreibt und Joanna Newsom einen französischen Abgang einleitet.

Neulich traf ich eine alte Schulkollegin im Ausgang. Die Musik war laut und einfallslos, was bei gewissen Unterhaltungen mitunter ein Vorteil sein kann. Sie war ziemlich betrunken und ich nach ein paar Sambucas ebenso. Förmlichkeiten wurden übersprungen, irritierende Kommentare überhört. Küssen ist besser als reden und vögeln besser als küssen und alles ist besser als in einer kalten Winternacht alleine im Bett zu liegen.

Durst weckt mich. Der Durst, den man nur nach dem Trinken hat und der wohl ein entscheidender Grund für das Trinken ist, denn wie oft hat man wirklich Durst? Unstillbaren Durst nach Leben? Ich ziehe behutsam meinen Arm unter ihrem Kopf hervor, trinke drei Gläser Eiswasser und setze mich auf die Bettkante. Sie schnarcht leise und ich ziehe die erste von drei Platten des neuen Albums von Joanna Newsom mit dem Titel „Have One on Me“ aus meinem Rucksack und lege sie in ihre Stereoanlage. Leise, da ich die emotionalen, beinahe bizarren Ausbrüche der Vorgänger „The Milk-Eyed Mender“ und „Ys“ noch gut in Erinnerung habe und das Mädchen nicht wecken will. Draussen schneit es, gelbliches Licht von Strassenlaternen, den Sonnen der Nacht, dringt ins Zimmer und auf ihr Gesicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass man sich die wirklich wichtigen Alben nicht aussucht, vielmehr warten sie darauf, im richtigen Moment aufzutauchen und die Filmmusik für eine entscheidende Szene im Leben zu spielen.

Joanna Newsoms Stimme erklingt, verspielt, verletzlich kindlich, klagend unschuldig, traurig, elfenhaft und unmöglich von dieser Welt. Dazu Streicher, Klavier, auch mal Horn oder Perkussion und immer wieder die Harfe, die wohl nur sie so zu spielen vermag. Man weiss nie, was als nächstes geschieht und wenn etwas geschieht, hat man das Bedürfnis, die Stelle nochmals zu hören, um sicher zu gehen, dass man sich nicht verhört hat. Trotz dieser ständigen Überraschungen sind alle drei Platten seltsam organisch, fliessen leichtfüssig ineinander und es ist schwierig die einzelnen Lieder auseinander zu halten. Irgendwo in der Mitte von „Good Intentions Paving Company“ tanzt Joanna Newsoms Stimme wie eine Kinderschar umher, das Mädchen dreht sich im Schlaf. Ich denke daran, wie das Mädchen früher, damals noch mit Zöpfen, meine Banknachbarin war und wie uns damals beigebracht wurde, nicht abzuschweifen, nicht in den Aufsätzen, nicht in den Vorträgen, eigentlich nicht einmal in den Gedanken. Joanna Newsom tut nichts anderes, als abzuschweifen, sie hüpft von Einfall zu Einfall, es scheint als bestehe sie nur aus Impulsen, als improvisiere sie ständig, tanze zusammen mit Joni Mitchell und Björk durch die Wälder. Sie hat sich nicht verändert seit den gefeierten Vorgängern, das kann sie wohl auch gar nicht, sie hat sich vertieft, ist eingängiger und zugänglicher geworden.

Das Mädchen hat sich frei gestrampelt, ich decke sie zu, betrachte ihr Gesicht und in diesem Moment sieht sie perfekt aus, denn dieser Moment birgt schon das erste Tageslicht in sich, mit unangenehmen Gesprächspausen, unsicheren Berührungen, lächerlich wirkenden Abschiedsküsschen auf die Wange und dem Wissen, dass diese erste Nacht die letzte war, weil sie sich nie mehr wiederholen lässt und ich ihr nicht geben kann, was sie sich wünscht. Als spräche das Mädchen im Schlaf zu mir, singt Joanna Newsom im letzten Lied „Does Not Suffice“:

It does not suffice for you to say that I am a sweet girl,
or to say you hate to see me sad because of you.
It does not suffice to merely lie beside each other,
as those who love each other do

Ich nicke ihr zustimmend zu, ob dem Mädchen oder Joanna Newsom weiss ich nicht, nehme die Platte aus der Anlage und verschwinde im Morgengrauen.

Seit  23. Februar 2010  im Handel.

> Hören und Kaufen  > Label > CH-Vertrieb

Joanna NewsomAnspieltipps:
> Good Intentions Paving Company
> Baby Birch
> In California
> Does Not Suffice

Diskographie:
> The Milk-Eyed Mender (2004)
> Ys (2006)
> Have One on Me (2010)
» 2 Kommentare
1"Also.."
am Mittwoch, 10. März 2010 00:44von Arne
Sehr schöne Rezension, weil sehr persönlich! Daumen hoch!
2"sehr schön, ja"
am Mittwoch, 8. September 2010 21:03von Waren
...aber die platte hätte er zum Abschied beim Mädchen lassen sollen, und sich selbst eine 2. kaufen.
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