Genre: Britpop, Pop | Label: Turnstile Music (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 6.5/10
Das Problem mit der Goldmine
Teenage Fanclub meets Gorky's Zygotic Mynci. Norman Blake meets Euros Childs. Schon 2001 haben die beiden Musiker aus Randregionen des United Kingdom gemeinsam Songs geschrieben und Freundschaft geschlossen. Damals haben sie angedeutet, dass eine Kollaboration auf Album-Länge für sie durchaus in Frage käme. Während Teenage Fanclub auf die silberne Hochzeit zusteuert, letztes Jahr ein grandioses Album veröffentlicht hat und Gorky's Zygotic Mynci seit einigen Jahren getrennte Wege geht, ist es nun soweit.
Sie verstehen ihr Handwerk, daran besteht kein Zweifel. Beide waren mit ihren Bands seit den frühen 90er-Jahren patentierte Lieferanten veritabler Hits und Britpop-Evergreens. Zudem hatten sie das Privileg, zum exklusiven Kreis der Bands, die John Peel in seinen Sendungen rauf und runter spielte, zu gehören. Etwa die Hälfte der Tracks sind - wie zu erwarten - wunderbare Popsongs zwischen zwei und drei Minuten, allesamt vorwiegend akustisch und durch den Retro-Wolf gezogen. "Circling the Sun", "English Lady" und "I Want to Be Around You" können jedem andern Song aus der Feder der Jonnies die Stirn bieten. "Retro" ist in diesem Fall ein anderes Wort für "zeitlos".
Eigentlich hört sich "Jonny" in besseren wie in schwächeren Momenten an als wäre das Album nach Shuffle-Funktion auf dem iPod zusammengestellt worden, nämlich Kraut neben Rüben und Birnen neben Äpfeln. Kinks, Beatles, Roy Orbison, The Smiths, Orange Juice etc. sind allgegenwärtig. Natürlich scheint auch immer wieder die musikalische Sozialisation der beiden Songwriter in ihren Bands durch. Eher gewöhnungsbedürftig sind Songs wie "Wich Is Wich", das nach etwas angestaubtem 70er-Bluesrock mit Rock'n'Roll-Nachwehen klingt, der schon Beady Eye nicht sonderlich gut stand; "Waiting Around for You" nach den Monkees und ihrer Vorliebe für die psychedelische Orgel; "Bread" wie ein Versuch, das "Bohemian Rhapsody" des neuen Jahrtausends zu schreiben; das Riff am Anfang von "Candyfloss", der Single-Auskopplung, verblüffend stark nach "Venus" von Bananarana.
Auf "Jonny" geht es alberner, spontaner und um Längen weniger ernsthaft zur Sache wie auf den Alben von Teenage Fanclub und Gorky's Zygotic Mynci. Dort wo sie so mühelos melancholischen Herzschmerz in die Herzen der Zuhörer gezaubert haben, bleibt auf "Jonny" an einigen Stellen nur die vorgehaltene Maske der Ironie oder Klamauk. Vor allem das 10-minütige "Cave Dance" wirkt wie ein Insider-Witz, den man als Nicht-Eingeweihter nur kopfschüttelnd an sich vorbei ziehen lassen kann. Wohlgemerkt, vorbeiziehen lassen über einen Viertel (!) der Gesamtspielzeit des Albums. Dafür strahlt das darauf folgende "I Want to Be Around You" umso heller...
An einigen Stellen kommt das Gefühl leichter Enttäuschung auf. Manchmal wirken die Arrangements, die z.B. auf den Teenage Fanclub-Alben von "Bandwagonesque" bis "Shadow" so ausgeklügelt waren, ziemlich unausgegoren und zum Teil fehlen schlicht und einfach die Über-Hooks (z.B. "The Goodnight", "I'm Waiting Around for You"). Es bleibt auch nach dem vierten Hördurchgang ein ambivalentes Gefühl mit "Jonny". Als Album funktioniert "Jonny" nicht richtig, aber dafür als Transportmedium für eine Hand voll potentieller Hits, die zeigen, dass Jonny eigentlich nach ganz oben gehören würde.
Seit 28. Januar 2011 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label > CH-Vertrieb
Anspieltipps:
> Circling the Sun
> English Lady
> I Want to Be Around You
Diskographie:
> Jonny EP (2010, gratis Download auf der Website des Labels)
> Jonny (2011)
Ähnliche Künstler:
> Teenage Fanclub
> Belle & Sebastian
> Roy Orbison
> Beatles
> Smiths
> Steely Dan
> Orange Juice