Das fünfte Album von Keren Ann hat keinen Namen, keine
Farbe, kein Französisch, stattdessen aber neun bezaubernde Songs.
Das Kinn erhoben und die Schulter keck dem Betrachter vorgehalten. Selbstsicher erstrahlt sie im weissen Licht, schlicht und schön. Doch „It´s All A Lie“ heisst es bereits im ersten gleichnamigen Song und tatsächlich; viel hat sich nicht verändert. Keren Ann Zeidel ist ihren Wurzeln treu geblieben, selbst wenn sie das neue Album an den wunderbarsten Orten wie Reykiavik, New York, Tel-Aviv, Paris und Avignon aufgenommen hat und zum ersten Mal ausschliesslich Englisch singt: Sie vermag uns mit dem ersten Ton und mit ihrer hauchenden Stimme einzulullen und mit tieftraurigen Songs zu verzaubern. Wie schon auf dem Vorgängeralbum Nolita (das Wortspiel gesehen?) hält es Keren Ann nicht davon ab bei langsamen, wie auch rasanteren Songs wie „Lay Your head down“, begleitet von Mundharmonika und aufsässigen Geklatsche, dem französischen Chanson gleich bittersüss verführerisch zu sein. Gern würde man dieser surreal wirkenden Person Geschichten erzählen, die zwischen den schönen Melodien an Ernsthaftigkeit verlieren und nur uns persönlich bleiben. Und irgendwann fragt sie wie in „The Harder Ships Of The World” sanft zurück: „Tell me my friend / Do You Still break the hearts? / Do you still put the crowds under your spell” und ohne Antwort liegst du auf deiner übergrossen Decke, verliebt, und segelst mit der unscheinbaren Göttin möglichst nah ans Niemandsland.
Zu den unzähligen Instrumenten, die Madame Zeidel meist selbst eingespielt hat, kommt vor allem der von ihr arrangierte Chor (bestehend aus isländischen Frauen mit gewohnt extravaganten Nachnamen) besonders zur Geltung. Polterndes Schlagzeug und harte Gitarren gehen dabei in der Grundstimmung etwas verloren, erschliessen sich aber dem Zuhörer spätestens nach dem dritten Hören und lassen „It Ain´t No Crime“ als willkommene Abwechslung erscheinen. In „Liberty“ zum Beispiel, unterstützt der Chor Keren Ann, deren Stimme in diesem Song speziell an ihr Nebenprojekt Lady & Bird erinnert, mit einer endlosen Lalala-Begleitung. Der Absturz „Found myself restless one night / Slipped poison and wine / Dimmed every light and kissed many lips / Fell asleep blamesless then woke up old, drunken and missed“ wird aufgefangen und lässt diese innere Ausgelassenheit glaubwürdig erscheinen.
Ihr wundersamer Lady & Bird-Mitstreiter Bardi Johansson von Bang Gang ist übrigens auch wieder mit von der Partie und lässt den letzten Song im Vergleich zum Rest mit einer würzigen Prise Trip-Hop recht bunt und konkret erscheinen. Und das ist keine Wertung, keine Aussage und schon gar keine Kritik. Bloss ein wenig blass. Und blass kann durchaus ein gutes Attribut sein.
Seit 20. April 2007 im Handel.
Anspieltipps: It's All A Lie, Liberty, Between The Flatland And The Caspian Sea
Trackliste: 1) It's All A Lie; 2) Lay Your Head Down; 3) In Your Back; 4) Harder Ships of the World; 5) It Ain't No Crime; 6) Where No Endings End; 7) Liberty; 8) Between The Flatland And The Caspian Sea; 9) Caspia
similar artists: Feist, Jane Birkin, Emilie Simon, Beth Orton,
Carla Bruni,
Isobel Campbell, Emiliana Torrini, Marissa Nadler
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Bio:
In Israel geboren, in Holland aufgewachsen, mittlerweile in Frankreich und New York zuhause, veröffentlichte die umtriebige Musikerin mit dem vollständigen Namen Keren Ann Zeidel nach der Auflösung ihrer Band Shelby ihr Solodebut in französischer Sprache. Ihr grosses Spektrum an Sprachen, Musikstilen und Interessen bescherten ihr die Zusammenarbeit mit Benjamin Biolay und vor allem mit Bardi Johanson, den man wohl nicht zu Unrecht für ihren Bewunderer und Freund halten darf. Mittlerweile sind ihre „Chansons“ vielfältiger und englischer geworden. Heuer wird sie in Montreux mit Eric Truffaz und Ed Harcourt spielen.