Der Opener "Silver & Gold" gibt die Marschrichtung vor: Im Kern simple Harmonien, die vielschichtig variiert werden, ein Schlagzeug, das mehr die dynamische Leitung der Songs als den Groove übernimmt und ein Bass, der die teils in sphärische Höhen abdriftenden Gitarrenläufe mit wuchtiger Power erdet. Gezielt eingesetzte Keyboards bereichern die Instrumentierung, ohne den Sound syntethisch erscheinen zu lassen. Im Gegenteil: der Sound vom selbstbetitelten Debüt der Zürcher Band ist herrlich warm und natürlich, was besonders auch beim Schlagzeug positiv ins Gewicht fällt.
"Kid Ikarus" ist keine Platte für die Menschen, die überall immer noch eine musikalische Innovation suchen. Die vier Zürcher kochen mit aufbereitetem Seewasser und scheren sich keinen Deut um Vergleiche – wieso auch? Ihre Songs brauchen punkto Dynamik und Songaufbau keine Vergleiche zu scheuen – hier spürt man die Leidenschaft und das Herzblut in den Songs bei jeder Note.
"Everything Is Gonna Change or Maybe Not" ist ein Songtitel, der die Stimmung der Musik passend umschreibt. Aus dem Leben gegriffene Emotionen, die keinen Text benötigen, um verständlich zu machen, wie sich in Nichts aufgelöste Hoffnung anhört. Nach vier Minuten im Song passiert dann etwas, was man als musikalische Reaktion darauf interpretieren könnte, ein Aber, ein Trotzdem. Für mein Empfinden fehlt hier die Entschlossenheit, das Schlagzeug, das mehr nach Vorne spielt oder ein treibendes Riff. Das ist aber nicht wesentlich, denn im Grunde genommen geht es mir eher darum zu erklären, dass Kid Ikarus solche Assoziationen mit ihrem Sound facettenreich kreieren können und es Spass macht, aufmerksam zuzuhören. Nach sechs Minuten nehmen die Zürcher Nachfahren von Dädalus dann Anlauf zum grössten harmonischen Höhenflug des Albums, ein intensives Vergnügen, bei dem die Zürcher ihre Flügel komplett abfackeln, dann aber locker den Fallschirm ziehen und nach 9 Minuten elegant auf der Erde aufsetzen.
Die Platte erscheint bei Ikarus Records, ein Kollektivprojekt mit weiteren empfehlenswerten Schweizer Bands die sich ambitioniert ihrer Musik widmen. Das Album ist sehr schön aufgemacht und erscheint auch als Doppel-LP, wo das Cover auch gebührend bewundert werden kann.
Wer gerne Postrock hört, muss dieses Album kaufen und wer nicht, sollte es trotzdem tun, denn es verschönert jede Sammlung.
Seit 1. Oktober 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Silver & Gold
> Everything Is Gonna Change Or Maybe Not
Diskographie:
> Part 1-3 (EPs)
> Kid Ikarus (2010)
Ähnliche Künstler:
> Mono
> Mogwai
> Red Sparowes