Genre: TripHop, Experimental, Jazz | Label: Denovali (Creative Eclipse) | Unsere Wertung: 8.0/10
Kopfkino
Eine Band, zwei Namen, zwei Tonträger, zwei total verschiedene Welten. Denovali veröffentlicht "Anthropomorphic Sessions" des Mount Fuji Doomjazz Corporation und gibt das gleichnamige Debüt des Kilimanjaro Darkjazz Ensembles (2006) erneut heraus.
Irgendwie erstaunlich, wie die Stummfilme aus dem frühen 20. Jahrhundert bis heute Musiker zu kreativen Höchstleistungen anspornen. Auch das Kilimanjaro Darkjazz Ensemble hat sich ursprünglich dazu verschrieben, Musik zu diesen Filmen zu komponieren. Auch wenn auf ihrem Debüt-Album, das 2006 erschien und jetzt wieder neu aufgelegt (für Audiophile auch als Vinyl) erhältlich ist, nicht mehr nur als Soundtrack für Filme funktionieren soll, so bleibt dennoch das Konzept des Visuellen weiterhin aktuell. Der Sticker auf der Verschweissung preist das Album als "Soundtracks to non-existing movies, inspired by the worlds of the Quay Brothers, Hieronymus Bosch, Picasso, Goya, Murnau and Lang". Wie diese Referenzen andeuten, wird derjenige, der Musik für "Charlie and the Chocolate Factory", Disney-Filme oder romantische Komödien erwartet, enttäuscht. Die Stimmungspalette bleibt notorisch auf den düsteren und weniger angenehmen Seiten des Lebens fokussiert - Melancholie, Furcht, Angstzustände, Zorn, Verwirrung... - und der Musiker präsentiert sich hier als Klangmaler, der diese Gefühle in Farben zu fassen versucht.
Kurz gesagt: Dies geschieht hier auf höchstem Niveau. Besonders bestechend ist die erstaunliche Fülle an Details. Immer wieder blitzen kurze Bläsersolos aus den kargen Bassläufen und triphoppigen Grooves hervor, Töne schwellen an und verschwinden ebenso plötzlich wieder. Durch zahlreiche Effekte, die die Band zum Teil sogar selber entwickelt hat, werden die Klänge stark verfremdet und geben dem SOUND eine fast unheimliche Tiefe. Rhythmisch bewegt sich das Spektrum zwischen TripHop, Marsch und Jazz, mit einem gelegentlichen Ausbruch in Richtung Drum'n'Bass und Glitch. Einige wenige Momente scheinen im Kontrast dazu richtig zärtlich, so wie das perlende Klavierspiel auf "Lobby", das beinahe an Chopin'sche Klavierromantik erinnert. Ein besonderes Markezeichen des Ensembles sind die synthetischen Bässe, die bis tief ins Mark dringen und die Knie zum Schlottern bringen. Alle elf Tracks bieten Zugang zu erstaunlichen Ecken der Fantasie, die durch die Titel der Tracks angeregt und in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Damit bleibt die Spannung vom ersten bis zum letzten Moment erhalten.
Ein Jammer, dass so kompromisslose und faszinierende Musik nur selten Eingang in Filme findet. Mir hätte es grosse Freude gemacht, wenn "The Dark Knight" zu diesen Klängen Gotham City auseinandergenommen hätte. Aber nach dem Oscar für Trent Reznors Vertonungen für "Social Network" gibt es ja vielleicht einen Funken Hoffnung und das Kilimanjaro Darkjazz Ensemble findet bald einen Weg nach Hollywood.
Seit 16. Februar 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Lobby
> Parallel Corners
> Vegas
Ähnliche Künstler:
> Mount Fuji Doomjazz Corporation
> Portishead
> DJ Shadow
> Madlib ("Shades of Blue")
> Cinematic Orchestra
> Nils Petter Molvaer
> Amon Tobin
> Yesterdays New Quintet
> Monk Hughes
> Kammerflimmer Kollektief
Diskographie:
> Kilimanjaro Darkjazz Ensemble (2006, Re-Release 2011)
> Mutations EP (2009)
> Here Be Dragons (2009)
> From the Stairwell (2011)