2. Aug | Fruit Bats – Tripper | Indie Folk | SubPop | 4.0/10 – Ph. Feer

Mich stört die Stimme. Aber das reicht noch lange nicht, dass ein Album einfach so zur Seite gelegt wird. Mich stören die Songs. Das ist eher ungeschickt für ein Album, das auf SubPop und mit einer anziehenden Aufmachung erscheint. Sowas enttäuscht. „Tripper“ ist zwar alles, was seit Jahren den amerikanischen Folk ausmacht: warm, detailreich, persönlich, schwer verständlich und vor allem leicht überdreht. Eric D. Johnsons Projekt erinnert vor allem an liebenswerte Bands wie Dr. Dog, Vetiver oder die Bowerbirds, kann aber an Intensität oder Tiefe diesen nicht das Wasser reichen, ohne dass man „Tripper“ als banal schimpfen kann. Es ist nur so, dass immer dann, wenn ein Moment musikalisch gefällt, die Lyrics abschrecken oder der Song weichgespült wird. Nie stimmt alles.
19. Aug | Various – Early Rappers | Spoken Word/Rap | Trikont | 7.0/10 - TheNoise

„Early Rappers“ bietet einige erstklassige Fundstücke aus den Bereichen Talking Blues, Spoken Poetry oder Soulpreaching. Gemeinsamkeiten zwischen den Rappern und ihren Vorläufern und den Rappern sieht der Herausgeber Jonathan Fischer nicht nur musikalisch, sondern auch im Verhalten. Bei Dr. Horse, einer lokalen Größe im New York der 1950er-Jahre, macht er beispielsweise die Bling-Bling-Attitüde des Hip-Hop aus. „Early Rappers“ bietet Kurioses und Verschollenes -- und wenn bekannte Namen wie Cab Calloway oder Chuck Berry präsentiert werden, dann nicht mit deren weltbekannten Gassenhauern wie "Minnie The Moocher" oder "Roll Over Beethoven", sondern mit weitgehend unbekannten Songs.
26. Aug | Michael von der Heide – Lido | Disco-Pop | Sony | 5.0/10 - TheNoise

Michael von der Heide ist einer der wenigen Deutschschweizer Künstler, die auch in der Westschweiz reüssieren. Er hatte schon von Beginn an einen Hang zum Chanson und auch immer wieder französische Stücke eingespielt. «Lido», sein achtes Album mit eigenen Stücken, ist nun ausschliesslich in Französisch gesungen. Musikalisch orientiert er sich aber nicht an Edith Piaf und Charles Aznavour, sondern führt den French Pop in die Disco-Ära. Damit ist er nicht nur spät dran, sondern wirkt auch entsprechend altmodisch. Die Arrangements haben zwar durchaus originelle Komponenten, aber nur selten wirken die Stücke so simpel-harmonisch wie "La Nuit Dehors" oder vergleichsweise Abwechslungsreich wie das Titelstück "Lido". Oft wirkt von der Heides Pathos nicht - wie es zum Disko-Klang durchaus passen wäre - aufregend überspannt, sondern nur aufgesetzt. Mit einer Prise Ironie hätte er das entschärfen können - oder auch mit ein wenig mehr Abwechslung: Denn wenn Michael von der Heide den Stampf-Rhythmus mal nicht in den Vordergrund schiebt, gelingt ihm auch der eine oder andere unprätentiöse Leckerbissen.
22. Aug | Mara Carlyle - Floreat | Alternative Pop | Ancient & Modern | 8.5/10 - T.Imbach

Was vielversprechend anfing, geriet zum Disaster: Die Musik-Riesen EMI holten Mara Carlyle vor vier Jahren für ihr zweites Album zu sich, "Floreat" verstaubte seither unveröffentlicht; vermutlich hätte Mara Carlyle das Rennen gegen Major-Konkurrentinnen wie Norah Jones, Dido & Co nicht machen können. Unserer Meinung nach hängt sie 2011, jetzt wo das Album endlich in den Läden steht, alle ab. Ihre wunderbare Stimme ist ihr grösster Trumpf, das merkten bereits Electronica-Genies wie Plaid und Matthew Herbert, doch was sie mit Hot Chip-Producer Dan Carey auf die Beine stellte, gehört auch ganz davon abgesehen zum Spannendsten, was dieses Jahr bislang zu bieten hatte: "Elizabethan Ska” nennt Carlyle das, was irgendwie nach Cajun & Calpyso, American Songbook & britischem Folk und Renaissance und Trip Hop gleichzeitig und, klar, einfach nur grossartig klingt.
29. Aug | Ry Cooder - Pull Up Some Dust and Sit Down | Americana | Nonesuch | 8.5/10 - T.Imbach

Ry Cooder ist an der Gitarre besser als er es mit Worten ist, und dennoch ist das wütende, sehr (links-)politische "Pull Up Some Dust And Sit Down" in allen Belangen packend und mitreissend. Nach dem Cooder im Rahmen seiner Kalifornien-Trilogie nie mehr ganz an die Brillanz des Openers "Chavez Ravine" rankam, spielt er sich mit seinem jüngsten Werk wieder direkt in Hörerherzen. Und wieder schöpft er aus dem reichen Fundus an nord- und mittelamerikanischen Musiken, singt mal naiv, mal bös und immer ehrlich und berührend gegen gierige Banker & rücksichtslose Kriegstreiber an. Die Höhepunkte sind zahlreich, besonders in Erinnerung bleiben der süssliche TexMex beim bitteren "Christmas Time This Year" mit Flaco Jimenez am Akkordeon und der düster-reduzierte Blues von " Baby Joined the Army".
2. Sep | Boy – Mutual Friends | Folkpop | Grönland | 7.5/10 – TheNoise

Sie sind verspielt und verträumt, sie sind sanftmütig und gleichzeitig bestimmt. Boy macht luftigen, aber nie banalen Girls-Folk-Pop. Das Deutsch-Schweizer Duo betritt damit vielfach erkundetes Terrain. Doch auch wenn sie keine aussergewöhnlichen Pflanzen für uns entdecken, lenken sie doch den Blick auf die eine oder andere vordergründig unscheinbare Schönheit. Bleibt Anfangs vor allem der – eigentlich gar nicht ungewöhnliche – Gesang haften, entdeckt man bei zunehmenden Hören immer mehr Nettigkeiten, sei es ein schlichtes Piano-Intro und der Refrain in „Litle Numbers“, sei es die Geschichte der Kellnerin, die darauf wartet, dass das Leben anfängt. Was Boy erzählen, haben wir schon auf die eine oder andere Art gehört – hier ist es noch einmal schön.
5. Sep| The Hands of the Wrong People – Proportions | Indie | Peapod | 6.5/10 – Ph. Feer

Die Band aus Berlin und Portland präsentiert mit ihrem zweiten Album „Proportions“ gewohnt griffige Musik, die jedoch schwer zu fassen ist und es nicht zulässt, Highlights zu benennen. Der schnelle - zuweilen sich überschlagende - vertrackte und gitarrenbetonte Pop und der sanfte zurückhaltende Gesang sind harmonisch und doch schwer zu fassen. Selbst die jazzigen Bläser-Einsprengsel – das Saxophon spielt André Herman Düne als Stanley Brinks – fügen sich derart kantig ins Gefüge ein. Bei aller Komplexität der Songs ist ein Album ohne Unnötiges und viel Abwechslung entstanden, das noch packen könnte.
16. Sep | Static Frames – Vivarium EP | Pop | Irascible | 7.0/10 – Ph. Feer

Don't Rush, take your time / We're Going to the forest in Arlesheim. Der schöne Basler Vorort mit der Eremitage hat seine eigene Hymne. Gesungen werden die fünf Songs der ersten EP von Nick Broadhurst mit einer äusserst gefühlvollen verstärkten Stimme, die an die Wärme von Robin Pecknold (Fleet Foxes) oder an die Ausdruckskraft von Sting erinnert. Begleitet wird die dreiköpfige Band auch von einem freundlichen Streichertrio. Alles träumerisch stark, 2012 soll das Album folgen. Bis dahin erhofft sich der Rezensent, möge man viel beibehalten, aber auf das Echo in der Stimme verzichten.
Die Static Frames waren übrigens die Post-Rock Band Aphid und wusste wohl noch nicht um seine wundervolle Stimme. Die EP wurde von einer uns bekannten Filmcrew aufgenommen. So kann man sich vor dem lohnenden Kauf die Songs in der gleich starken Qualität auch auf ihrer Homepage (http://www.staticframes.com/index.php/sf-media) anschauen.
27. Sep | Van Hunt - What Were You Hoping For? | R&B | Godless Hotspot | 9.0/10 – T. Imbach

Noch einer, dem von einem grossen Label übel mitgespielt wurde: Blue Note entschied sich, Van Hunts 08er-Werk "Popular" nicht zu veröffentlich, anders als Mara Carlyle (siehe oben) konnte er sich die Rechte am Album aber nicht mehr sichern ... kurzerhand entschloss er sich dazu, ein neues Album aufzunehmen. Darauf macht Van Hunt genauso mutige Schritte, einen zurück, zum Neo-Soul, der ihn berühmt gemacht hat, und mehrere vorwärts zum punkigen Funk und funkigen Punk, den so niemand, oder vielleicht nur mal Funkadelic oder Prince gemacht haben. Fantastisch!
September | Brewed Goblins – EP | Singer-Songwriter | Soundfarm Studios | 6.5/10 - S.Müller
Inoffiziell war das Konzert der beiden Luzerner als Vorband der A Cappella Band „The Blanks“ (aus der TV Serie „Scrubs“) auch eine CD-Taufe. Ihre EP ist auf den ersten Blick simpel gestaltet, präsentiert aber innen ein wunderschönes Bild, welches an japanische Kunst erinnert (Ilona Mosimann). Gesungen wird auf Englisch, etwas nasal, von koreanischen Mädchen, Musikern im Weltall und vom Schwimmen gegen den Strom. Erinnert an James Blunt, an Damien Rice, klassischer Singer-Songwiter mit gekonntem Gitarrenspiel.
Februar | Slag in Cullet – Splinter | Reelmusic | 6.0/10 - S. Müller

Aggressiv und etwas sperrig, so wirkt der erste Eindruck von Slag in Cullets zweitem Album „Splinter“. Es muss laut gehört werden – noch besser wahrscheinlich live. Gewisse Songs („The Masochist“) werden von sanftem Klavierspiel besucht, die dem rohen Sound des Trios zeitweise einen emotionalen Touch geben. Wer gerne guten energischen Rock hört oder einfach mal Wut auslassen möchte ist mit „Splinter“ gut bedient.