Hier steckt mehr drin als man anfangs glaubt: Manchester Orchestra (stammen nicht aus Manchester und sich auch gar kein Orchester) spielen im weitesten Sinne Post-Rock, der sich gut und gerne Mittel aus dem Folk ausleiht, ohne sich dafür zu entschuldigen – oder zu schämen.
Die Welt ist schlecht, finster, gemein und ungerecht, und Manchester Orchestra aus Atlanta ziehen aus, um sie mit raffiniertem Post-Rock zu einem besseren Ort zu machen. So simpel, so schwierig der Sachverhalt.
„Simpel Math“ vereint Titel, die auf den ersten Blick wenig aussagen, dafür viel andeuten. Das wichtige dritte Werk ist mit einigen Ein- und wenig Ausfällen gesegnet. Man spürt die mit grosser Geste entworfenen Arrangements, mit jeder Note die Herzensangelegenheit, die Tiefe und Echtheit – auch wenn die Platte musikalisch nicht immer auf Augenhöhe bleibt. Inhaltlich ist die Band um Sänger Andy Hull auf dem besten Wege, doch was die Musik anbelangt, ist noch eine Menge Luft nach oben.
Geschichten gescheiterter Existenzen finden sich auf „Simple Math“ zuhauf, ohne gross suchen zu müssen. Ein Konzeptwerk über einen Mann mit gebrochnem Herzen, der weder in der Liebe, noch im Glauben Trost finden kann. Auch der Sex, die Lust und das Verlangen werden hinterfragt, einer Prüfung unterzogen. Immer wieder versucht er, die Fragmente zusammenzufügen. Glück? Gibt es nur in den Erinnerungen.
„Deer“, eine Art Einleitung und Lehrstunde in Sachen Tröstlichkeit, fängt mit Behutsamkeit an. „Mighty“ vereint Tool (ca. „Ænima“) und Silverchair (zu „Neon Ballroom“-Zeiten). Wenn sich die Streicher aufschwingen, wird man unweigerlich an „Emotion Sickness“ der Australier erinnert. Querverweise zu Beck, beim Titeltrack etwa, sind nicht ausgeschlossen. „Pensacola“ klingt wiedderum lazy und mehr nach Weezer. „Pale Black Eye“ verläuft eine ganze Weile ziemlich träge, um am Ende erneut eine ganze Schar von Streicherinstrumenten loszulassen.
Zehn Songs – jeder dreht und verändert sich, hört anders auf als es angefangen hat, bereichert die Welt um eine neue Sicht. Ganz im Zeichen moderner Selbstreflexion, hat Hull gemerkt, dass es wenig nützlich ist, die eigene Verletzlichkeit zu kaschieren.
Ein simpler Durchlauf reicht bei weitem nicht, um das zu verstehen. Die Flucht nach vorn kann manchmal eben doch noch wahre Wunder bewirken.
Seit 13. Mai 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Mighty
> Virgin
> Simple Math
Diskographie:
> I'm Like a Virgin Losing a Child (2006)
> Mean Everything to Nothing (2009)
> Simple Math (2011)
Ähnliche Künstler:
> Brand New
> The Decemberists
> Bright Eyes