Genre: Singer/Songwriter | Label: Blue Soldier Records (TBA) | Unsere Wertung: 8.5/10
Wiederauferstehung
2008 ist dem Hecker die Freude am Musizieren verloren gegangen. Dies merkte man dem Album "One Day" irgendwie an. Nun hat er sich wieder gefunden – und hört sich so wunderbar traurig wie zu ’'Infinite Love Songs"- Zeiten an.
Mein absolutes Lieblingslied von Maximilian Hecker ist – und bleibt – „Cold Wind Blowing“ von seinem Debutalbum „Infinite Love Songs“. 2001 hat er mich mit seiner engelhaften Stimme, seiner ungeheuerlich zarten Art und Weise des Musizierens und dem irrsinnig genialen, endlos scheinenden Gitarrenausbruch nach 4.15min in genanntem Lied (bei 5.29 nimmt er die Melodie wieder auf, während der Gitarrenkrach weitergeht…noch immer einer der schönsten Momente in meiner Plattensammlung) regelmässig zur weinerlichen Heulsuse gemacht. Die Nachfolgealben „Rose“ (2003), und „Lady Sleep“ (2005) konnten das Niveau halten, spätestens auf „One Day“ (2009) bemerkte man beim Berliner jedoch eine gewisse Müdigkeit.
Gemäss der Pressemitteilung plagten ihn Versagensängste bis hin zum Stimmverlust; er hörte auf sich zu rasieren, lief in Jogginghose umher, nahm Abstand vom anderen Geschlecht und verwarf gar die Vorstellung, irgendwann echte Liebe zu finden. Hecker bezeichnet diesen Zustand als ’Verwesungsmodus’. Er beginnt bei null, tritt stundenlang als Strassenmusikant auf und nimmt die neu entstandenen Lieder und Ideen alleine, mit einfachsten Mitteln in seiner Wohnung auf. Hecker hat sich selbst nicht neu erfunden, er bleibt der Meister der gleichermassen tieftraurigen wie auch hoffnungsvollen Melodien.
„Holy Dungeon“ eröffnet, nach einem in asiatischem Englisch vorgetragenen Monolog auf einen Anrufbeantworter (wahrscheinlich die japanische Prostituierte Nana, eine wegweisende Bekanntschaft Heckers aus Tokyo), mit einlullendem Hall in der Stimme und zerbrechlichem Pianothema. Sofort fühlt man sich zuhause, angekommen und bestens umsorgt im gemütlichen Heckerschen Klangkosmos. Er macht keine grossen Sprünge, keine Kapriolen, kein Theater. Minimalistische, verträumte Songs, meist nur von Piano, dezenten Gitarrentönen oder unscheinbaren Hintergrundgeräuschen begleitet. Die Aufnahmequalität trägt das ihrige zur heimeligen Atmosphäre bei, vereinzelt hat man tatsächlich das Gefühl, der Kerl spiele live im eigenen Wohnzimmer. Die Songs „Glaslights“ und „Your Kingdom“ sowie „Messed-up Girl (ballad version)“ gilt es besonders hervorzuheben. Das erste ist eine (was denn sonst?) wunderbar reduzierte, mit klimperndem Piano vorgetragene Ballade, das ideale Einschlaf-Lied. Dieselbe Pianomelodie wird in „Your Kingdom“, unterstützt von elektronischen Schwebegeräuschen, nochmals verwendet, nur der Text ist ein anderer. „Messed-up Girl (ballad version)“ ist eine verlangsamte, entsprechend einfahrende, Version des Songs, welcher schon auf „I’ll Be a Virgin, I’ll Be a Mountain“ zu finden war. Das Album plätschert (im positiven Sinn) dahin, der Zuhörer träumt und schwebt. Als Hidden-Track bzw. witziges Extra findet man Bob Dylans „Sad-eyed Lady of the Lowlands’, von Hecker in vermutlich schwer betrunkenem Zustand auf ein Mobiltelefon geleiert.
Der gute Mann hat zu seiner Bestform zurückgefunden und macht, was er am besten kann: seiner Stimme und wenigen Klaviertönen ein Maximum an Emotion entlocken. Weichbecherscheiss, aber wunderschöner…
Seit 26. März 2010 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label
Anspieltipps:
> Glaslights
> Your Kingdom
> Messed-up Girl
> You’ll Come Home Again
> Lonely in Gold
Diskographie:
> Infinite Love Songs (2001)
> Rose (2003)
> Lady Sleep (2005)
> I’ll Be a Virgin, I’ll Be a Mountain (2006)
> One Day (2009)
> I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son (2010)
Ähnliche Künstler:
> Aqualung
> Yann Tiersen
> Syd Matters