Mehr Wahnsinn! Mehr Speed! Mehr Bass! Mehr Groove!
„ObZen“, das neue Album von Meshuggah, bietet mehr von allem und klingt
insgesamt doch so schlüssig wie nie zuvor.
Auf ihrem mittlerweile sechsten Longplayer vereinen Meshuggah alle ihre bisherigen spieltechnischen Errungenschaften, lassen aber auch wieder neue Facetten einfliessen und – das ist die herausragendste Eigenschaft von „ObZen“ - spielen so straight wie kaum je zuvor, ohne dabei auf ihre rhtythmischen Achterbahnfahrten zu verzichten.
Der Opener „Combustion“ leitet ein mit einem angezerrten thrashigen Riff, welches dann gnadenlos durch die erste Strophe geprügelt wird und Erinnerungen an alte Thrash Metal-Helden wie Exodus weckt, obwohl sich der Meshuggah-Grundsound mit den achtsaitigen Gitarren durch seine Basslastigkeit stark unterscheidet. Ganz ähnlich funktioniert der achte Track „Pravus“ – das Spiel der Gitarristen Marten Hagström und Frederik Thordendahl korrespondiert viel mehr mit den (für seine Verhältnisse) häufig überraschend geradlinigen Beats von Tausendsassa Thomas Haake. Das macht den Sound der Schweden deutlich grooviger, mitreissender und zugänglicher als beim letzten eher sperrigen Konzeptalbum „Catch 33“. Es scheint, dass diesmal mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf komponiert wurde.
Eines der Highlights des Albums ist eindeutig der dritte Track „Bleed“. Wie einem hier während Minuten irrwitzige 16tel-Rhythmik durch die Gehörgänge geblasen wird, ist schlicht einzigartig und unerreicht. In der Mitte des siebeneinhalb Minuten langen Feuerwerks ist ein atmosphärischer Zwischenteil eingebaut, bei dem die effektbeladenen Gitarren jedoch völlig auf das Spielen von stereotypen Anschlagmustern verzichten. Es werden lediglich mit minimalen Mitteln schwebende dissonante Tonfolgen produziert, die abrupt wieder ins derb Laute wechseln – solche Schockeffekte sind zwar nicht neu, aber in derart perfekter Umsetzung einmal mehr sehr wirkungsvoll.
Die stimmliche Leistung von Jens Kidman unterscheidet sich kaum von den Vorgängeralben, aufgrund der Geradlinigkeit einiger Songs ist auch die Gesangsrhythmik nachvollziehbarer, was sich positiv auf deren Wiedererkennungswert auswirkt. Nach wie vor ist Jens einer der wenigen extremen Sänger, die nicht bloss aggressiv und druckvoll schreien, sondern auch unverkennbar sind.
Die Produktion, die Meshuggah in Stockholm weitgehend in die eigenen Hände genommen haben, ist glasklar und ausgewogen. Deutliches Plus gegenüber älteren Veröffentlichungen der Band ist, dass der Bass, welcher gegen die extrem tiefen Gitarren oft kein leichtes Spiel hatte, auf ObZen deutlich zu hören ist und auch einen gewichtigen Anteil zum Gesamtsound beiträgt.
Das Artwork ist eine ähnlich prägnante Umsetzung des Albumtitels wie Panteras „Vulgar Display Of Power“, das kann einem gefallen oder nicht, irgendwie passt es.
Fazit: Nach 52 Minuten zittert der Seismometer noch etwas nach, aber die Exitmusic-Skala zeigt eindeutig fünf Punkte.
Seit 7. März 2008 im Handel.
Anspieltipps: Combustion; Bleed
Trackliste: 1) Combustion; 2) Electric Red; 3) Bleed; 4) Lethargica; 5) ObZen; 6) This Spiteful Snake; 7) Pineal Gland Optics; 8) Pravus; 9) Dancers To A Discordant System
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Bio:
Meshuggah (jiddisch für verrückt) wurden Ende der 80er-Jahre im nordschwedischen Städtchen Umea gegründet. Das Line-Up bestand aus Peter Nordin (Bass), Fredrik Thordendahl (Leadgitarre), Jens Kidman (Gesang, Rhythmusgitarre) und Niclas Lundgren (Schlagzeug). In dieser Besetzung veröffentlichten sie eine erste EP, die limitiert von einem lokalen Plattenladen (Garage Land) unter dem Titel „Psykisk Testbild“ herausgegeben wurde. Das Debutalbum „Contradictions Collapse“ erschien neu mit Thomas Haake am Schlagzeug 1991 auf dem deutschen Label Nuclear Blast. Ab der EP „None“ zeichnet sich Jens nur noch für den Gesang zuständig, die Rhythmusgitarre spielt seither Marten Hagström. Bis auf den Posten des Bassisten ist das Line-Up bis heute unverändert geblieben, seit 2005 bedient Dick Loevgren den Bass.
Der internationale (nicht kommerzielle) Durchbruch gelang der Band mit dem zweiten Album „Destroy Erase Improve“. „Future Breed Machine“, der erste Track des Albums, welcher auch heute noch die obligatorische Live-Zugabe Meshuggahs ist, brachte in kompakter Form auf den Punkt, in welche Richtung sich die Band entwickelte:
Gnadenlose Power, vertrackte Rhtyhmik, spieltechnische Höchstleistungen an Gitarren und Schlagzeug, die unverkennbare Stimme von Kidman, aberwitzige Gitarrensoli, und atmosphärische unverzerrte Gitarrenparts mit oft abrupten Wechseln.
Mit „Chaosphere“ haben die Schweden einen Höhepunkt punkto Aggression, Intensität und Geschwindigkeit gepaart mit kaum mehr nachvollziehbaren Rhythmusmustern erreicht. Die Entwicklung, welche darauf mit „Nothing“ weiterverfolgt wurde, war eine Radikalisierung des Sounds, mit neu achtsaitigen Gitarren. Das Riffing entwickelte sich weg von hoher Geschwindigkeit hin zu verschleppten, fiesen Attacken, welche rhythmisch nach wie vor in kein gängiges Schema passen wollten.
2004 erschien auf dem Label Fractured Transmitter Recordings von Mushroomhead-Sänger Jason Popson die „I“ betitelte EP, welche nur aus einem einzigen knapp zwanzig Minuten langen Stück bestand. „Catch 33“, eine Art Konzeptalbum, war ebenfalls experimentell und ist bis anhin das am schwersten zugängliche Werk der Band, welches punkto Sound wenig Neuerungen mit sich brachte.
Das aktuelle Album „ObZen“ ist der Kulminationspunkt aller musikalischen Errungenschaften der Band und sowohl eingängiger als auch abwechslungsreicher als alle bisherigen Veröffentlichungen.