Genre: "Pop", Indie, Klassik, Avantgarde | Label: Beggars / Rough Trade (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 6.5/10
Zwischen Stühlen und Bänken
Mica Levi führte jahrelang ein Doppelleben. Sie durchlief die typische klassische Ausbildung zur Violinistin an der renommierten Guildhall School of Music, verbrachte aber die Nächte in angesagten Londoner Clubs als Grime und Garage-DJane. Das neue Album "Chopped & Screwed", dessen Namen auf DJ-Techniken aus Houston und Umgebung anspielt und mit der London Sinfonietta live eingespielt wurde, versucht das Unmögliche.
Mica Levi schreibt "Pop"-Songs, wenigstens nach ihren eigenen Worten. Dies dürfte sich nicht unbedingt mit einer landläufigen Meinung decken, denn die neun Tracks auf der neuen CD sind alles andere als eingängig und simpel. Und dann ist da noch die Sache mit dem Sinfonieorchester. Levi hat das Album mit den Musikern der London Sinfonietta eingespielt. Allerdings schafft es Levi, einen weiten Bogen um die fahlen und konservativen Elemente, die eine Best-of von Sting mit Sinfonieorchester zu einer so schrecklichen Angelegenheit, zu machen. Vielmehr geht es Levi um Avantgarde als um Klassizismus. Eigentlich ist es ein Live-Album ohne die Live-Atmosphäre, denn erst nach dem letzten Stück offenbart sich das Publikum. Die Tracks gehen ohne Pausen ineinander über und entwickeln sich über lange Linien hinweg. Zu weiten Teilen jagen sich Geräusche, Überleitungen und Klänge, die zwar von einem Orchester produziert wurden, aber manchmal wie digitale Instrumente und Effekte klingen. Micas Gesang ist auch alles andere als klassisch. Ihr Nuscheln in oft beinahe unbestimmbaren Tonhöhen erinnert eher an Julian Casablancas von den Strokes als an Cecilia Bartoli oder Elisabeth Schwarzkopf. In andern Momenten arbeitet Levi dann aber doch noch mit typisch klassischen Ausdrucksformen wie im Opener "The State of New York", dessen Klarinetten-Glissandi starke Reminiszenzen an den Gershwin-Klassiker "Rhapsody in Blue" hervorrufen.
Ab und zu münden die Klangexperimente in Songs, bei denen man ein nicht allzu grosses Wagnis eingeht, wenn man sie als "Popsongs" bezeichnet. Besonders sticht "Everything" hervor, ein grossartiges Stück mit Anklang an das Animal Collective und Krautrock. Zuweilen ist das Album ein bisschen hastig und anstrengend und man könnte sich den einen oder andern Song mehr in der Art von "Everything" vorstellen. Dennoch kann man gespannt sein, was in Zukunft aus der eigenwilligen Feder der noch so jungen Britin kommen mag, denn spannend ist ihr Ansatz auf alle Fälle. Trotzdem lässt einen diese CD irgendwie ratlos zurück. Sie ist zu wenig „Pop“, um sie mit Pop-Massstäben angemessen zu bewerten und zu wenig Klassik, um in dieser musikalischen Traditionslinie verstanden zu werden, jedenfalls wenn die Noten nicht vorliegen.
Mica Levi steht an einem Gabelweg zu neuem Terrain. Vielleicht stellen sich ja in Zukunft Klassik und Pop trotz allen bisherigen Beziehungskrisen doch als ein Traumpaar heraus. Hoffnung darauf besteht, wenn sich Mica Levi weiterhin so ambitioniert als Kupplerin betätigt.
Seit 25. März 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Everything
> The State of New York
Diskographie:
> Filthy Friends (Mixtape, 2009)
> Jewelry (2009)
> Kwesachu Mixtape Vol. ! (Mixtape with Kwes, 2009)
> Chopped & Screwed (2011)
Ähnliche Künstler:
> Matthew Herbert
> Parenthetical Girls
> Clogs
> Animal Collective
> Owen Pallett / Final Fantasy
> Zach Miskin
> Bryce Dessner