Die Berliner Musikerin Tonia Reeh macht elektronische Musik für ein ausgewähltes, vielleicht krankes Publikum.
„Es ist allgemein bekannt, dass der ’Schliessen’-Knopf in den meisten Aufzügen ein völlig funktionsloser Placebo ist, um den Individuen den Eindruck zu vermitteln, sie hätten irgend einen Einfluss auf die Schnelligkeit, mit der der Aufzug arbeitet. Dieser extreme Fall vorgegaukelter Partizipationsmöglichkeiten ist eine passende Metapher für die Einflussmöglichkeiten der Individuen auf unseren postmodernen politischen Prozess.“ Dies erklärt eine mechanisch-kalte Männerstimme vor dem vierten Track ’Excuse Me, Helen – But What Is It With My Freedom’, einem äusserst wuchtigen Kinnhaken gegen Präsident Bush. Provokative Zeilen wie ’Bush, go to hell, please, or I’ll shoot in your knees’ zeugen nicht gerade von politischem Feingefühl oder einem ausgeprägten Diskussionsbedürfnis, widerspiegeln jedoch die gnadenlos direkte Art der hier musizierenden Künstlerin. Denn nicht nur happige Texte (’Are you afraid of HIV? Do you wanna fuck with me?’ oder ‘Your dick is still shaking in your hand, oh. I’m the weak sex, I know’), sondern auch genauso deftige, zerhackte, ja kratzbürstige Musik hat Monotekktoni zu bieten. Gesellschaftskritik ist nötig und nützlich. Ich stimme der Künstlerin auch vollkommen zu, wenn sie erzählt, dass unsere Zivilisation die Magie des Geschlechtsverkehrs zerstört, indem die Medien uns andauernd ’perfekte’ Menschen mit wohlgeformten Brüsten, riesigen Schwänzen und tollen zwischenmenschlichen Beziehungen vorgaukeln. Trotzdem glaube ich, dass eine gewisse ’Grenze des guten Geschmacks’ existiert. Auf dieser wird hier rumgetrampelt, wie Menschen dies in Massenpaniksituationen auf ihren Artgenossen tun. Dass Berlin ein hartes Pflaster ist, wissen wir seit ’Aggro Berlin’. Diese provokativ-aggressive Musizierweise war mir, ausser vielleicht bei Peaches, im elektronischen Umfeld bisher fremd und erscheint mir auch nicht nötig. Ich verzichte hier somit darauf, meine Meinung über feministische, wahrscheinlich vegetarische Bushgegnerinnen zu verraten und widme mich der Musik. Diese hat meiner Meinung nach den allgemeinen Sinn, den Zuhörer emotional zu berühren, zu verzaubern, einschlafen oder abfeiern zu lassen oder schlicht zu unterhalten. Monotekktoni schafft dies nicht. Wenn ich tief verinnerlichte politische Meinungen oder irgendwelche Anfeindungen hören, will lese ich eine Zeitung oder schaue die Arena und lache bzw. ärgere mich zu Tode. Mein Wunsch nach weniger Struktur und Fassbarkeit wurde von Monotekktoni zweifelsfrei erfüllt, trotzdem kommt keine Begeisterung auf. Die elektronischen Basteleien reichen von unbequem-verkorkst über rasant-drauflosgeprügelt bis minimalistisch-trocken, Hauptsache abstrakt und ungemütlich. Frau Reeh scheint teilweise Höllenqualen zu durchleiden, ihr wütendes Kreischen und Quietschen wirkt beängstigend. Kurz darauf können liebliche Pianoklänge und schwebendes Gesumme mit schöner, starker Stimme vorgetragenen Melodien ähnlich funktionieren wie Björk. Unter der wilden, chaotischen Klangmasse findet man trotz allem gelungene Beat-Basteleien, die vom kompositorischen Können der Musikerin zeugen. Sehr moderne, sehr weltoffene Menschen mit Hang zu abstrakter Kunst, seltsamen Geräuschen und grossen Botschaften werden ihr Weltbild vielleicht bestätigt finden, in meinen Ohren macht Monotekktoni ein kleines Schrittchen zu weit ins abstrakte und vor allem politische Abseits.
Seit 13. April 2007 im Handel.
Anspieltipps: Alraun
Trackliste: 1) Civilisation Kills Sex Magick; 2) Hands Up; 3) Dynamite; 4) Excuse Me, Helen, But What Is With My Freedom; 5) Repetition Is Not Wisdom; 6) It’s Already 4AM And Still Not Hell; 7) Too Many Crazies; 8) Alraun; 9) Der Rest Ist Für Die Katze; 10) Earthquakes And Comets; 11) Sad Position
similar artists: Peaches, Chicks on Speed,
Björk, Polarkreis 18, Mouse On Mars
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Bio:
Tonia Reeh ist aus der Berliner Musikwelt nicht mehr wegzudenken. Als Solopianistin und Sängerin/Gitarristin der Berliner Indieuntergrundband ’Das zuckende Vakuum’ ist sie bereits bekannt. Mit Synthesizer, Stimme und ordentlich Mut zum Chaos durchreiste sie zwischenzeitlich als Ein-Frau-Elektro-Act ’Monotekktoni’ sämtliche einschlägigen Lokale in Berlin und ganz Deutschland. Sie hat bereits drei Alben veröffentlicht und Beiträge zu verschiedenen Compilations (»4 women no cry« (Monika Enterprise) oder »Berlin Insane« (Pale Music)), beigesteuert.