Nada Surf, die alten Halunken, starten mit ’Lucky’ einen
neuen Versuch, die Kritiker nach dem leicht misslungenen Vorgänger ’The
Weight Is A Gift’ zu besänftigen. Dies ist ihnen größtenteils gelungen,
trotzdem bleibe ich unfair und lasse sie hochkant durchfallen.
Ich erinnere mich gerne an ’Proximity Effect’ und ’Let Go’. Damals war die Welt noch rund, Nada Surf ein mittelprächtiger Geheimtipp, ich und meine Kumpels in Feierlaune und ihr Konzert in der Schüür machte Spass wie Achterbahn. ’The Weight Is A Gift’ war mir dann schlicht zu seicht. Entsprechend schnell verstaubte es irgendwo. Trotzdem knallte ich ’Lucky’ frohen Mutes und mit einem scheuen Anflug von Hoffnung auf was Aufregendes oder vielleicht gar Neuem in meine Anlage und versuchte das Werk vorurteilsfrei zu konsumieren. Nach wenigen Minuten musste ich jedoch kontrollieren, ob ich tatsächlich eine CD oder aus Versehen das für abwechslungsreiche Musik bekannte Radio Pilatus laufen liess. Der saubere Pop lief mir kalt den Rücken runter, ich spürte so was wie Furcht. Okee, übertreiben gehört zum afghanischen Way of Life, doch wer behauptet dass hier Grosses gespielt wird, hat tatsächlich ein paar Stockhiebe verdient. Was auf ’Let Go’ noch als gemütliche Abwechslung zum soliden, melodiösen Indierock betrachtet werden konnte, ist mittlerweile Programm. Ein klebrig-schnulziger Ohrwurm folgt dem nächsten. Ja, die Melodien sind schön, friedlich und eingängig wie immer, ja, die Gitarren sind Indie, ja, sie haben sogar ein Piano und Streicher und gute Gastmusiker wie Ben Gibbard (Death Cab For Cutie) oder Martin Wenk (Calexico) mit auf die Platte genommen, ich gratuliere. Aber wo zum Teufel bleibt der Anspruch? Der Refrain ’You say: I Iike what you say, I like what you say…You say: Baaaby I only want to make you happy’ spricht für sich. Tschuldigung aber da kommt mir vor lauter Sauberkeit das kalte Kotzen. Ich suche noch heute nach Vermerken auf dem Cover wie: ’für Personen über 18 Jahren nicht geeignet’ oder ’jung, weiblich, verliebt? – ich bin deine Lieblingsplatte’.
Das war jetzt ein bisschen sehr fies, denn mit ’The Fox’ und ’The Film Did Not Go ’Round’ endet die Platte erstaunlich gut. ’The Fox’ durchbricht endlich das gewohnte Strophe-Refrain-Strophe-lalalala-Schema, der Takt ist einiges holpriger als der gewohnte 4/4, die mystischen Streicher schmeigen sich souverän an die Melodie, das Stück ist geheimnisvoll, abwechslungsreich und schafft es sogar über die radiotaugliche 3-Minuten-Grenze. Gut gemacht, nächstes Mal bitte mehr davon. ’The Film Did Not Go ’Round’ ist schlussendlich die traurigste und zugleich schönste Ballade im poppigen Einheitsbrei.
Insgesamt ein sehr friedliches, gemütliches, einfaches, eingängiges Album voller Pop, Herzschmerz und Hitparade. Wer die Pubertät überlebt hat und Musik nicht ausschliesslich zu Unterhaltungszwecken konsumiert, kann sich den Kauf jedoch ohne schlechtes Gewissen sparen.
Seit 1. Februar 2008 im Handel.
Anspieltipps: The Fox, The Film Did Not Go ’Round
Trackliste: 1) See These Bones; 2) Whose Authority; 3) Beautiful Beat; 4) Here Goes Something; 5) Weightless; 6) Are You Lightning; 7) I Like What You Say; 8) From Now On; 9) Ice On The Wing; 10) The Fox; 11) The Film Did Not Go ‘Round
similar artists: Lovebugs,
Death Cab for Cutie, Last Days of April, Grandaddy
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Bio:
Seit 1993 machen Matthew Caws (Vocals, Gitarre) und Daniel Loca (Bass) ein gemeinsames Ding namens Nada Surf. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Labels und der Schlagzeugbesetzung kommt die Sache ab 1996 ins Rollen. Ira Elliot (Ex-Fuzztones) komplettiert das Trio. ’Popular’, ihr Meisterwerk aus dem Debut ’High/Low’ aus dem Jahr 1996 sollte jedem, der behauptet sich mit alternativer Musik auch nur ansatzweise auszukennen, ein Begriff sein. Nach einigen Tourneen und dem zweiten Album ’The Proximity Effect’ bekamen die Jungs abermals Probleme mit Labels. ’Let Go’ überzeugt die Musikgemeinde anno 2002 mit wunderschönen Melodien und einer sehr gelungenen Mischung aus Pop und Rock. Trotzdem passt auch dieses Werk den amerikanischen Musikbossen nicht so ganz in den Kragen. Also machen sich Nada Surf auf die Suche nach neuen Partnern und werden vom deutschen Label City Slang mit offenen Armen empfangen. Nach ’The Weight Is A Gift’ (2005) arbeiten Nada Surf zweieinhalb Jahre an neuem Material. Nun ist das fünfte Studioalbum mit dem ironischen Titel ’Lucky’ im Plattenladen eures Vertrauens zu erwerben. Ausserdem sind sie in Kürze auch hierzulande mal wieder live zu begutachten.