…war mein verzweifelter Beitrag zur nächtlichen
Stichwortumfrage zum Artwork des Albums, die anderen Inputs wie
mystisch, krass, knöchrig, unheimlich, märchenhaft und krank kommen der
Wahrheit näher.
Die Musik von Neurosis vergleicht man sicher treffender mit einer Kirche als mit populärer Rockmusik. Was die Band aus Oakland, Kalifornien hervorbringt, war und ist voller Dedikation, Ausdruck ihrer Spiritualität und Katharsis zugleich. Die Musiker geben sich bedingungslos der Errichtung kolossaler Klanggebäude hin und fordern einiges vom Hörer, um diese zu erkunden. Wie in einer romanischen Kirche beeindruckt die Schwere, das Massive, die Wucht, die Qualität des Materials. Wie man deren Architektur mit den Augen nach Belieben bis ins Detail untersuchen und erfahren kann, bieten Neurosis mit „Given To The Rising“ ein solches Werk für die Ohren. Anstelle vom haptisch erfahrbaren Material tritt der Klang der Instrumente: Verzerrte Gitarren und Bässe, wuchtige Drums, teils harmonische, teils dissonante Keyboardsounds und die Sänger Scott Kelly und Steve von Till pressen mit Nachdruck düstere Litaneien ins Mikrophon (To The Wind…). Mit einer Kirche hat Neurosis’ Sound auch die Leere gemein, sie bieten in ihren langen Songs immer wieder Raum zum Atmen und Ruhe um sich zu erholen. Vielleicht wie wenn man von einer überfüllten touristischen Piazza, wo einem die Sonne auf den Pelz brennt und Tauben auf die Mütze ähä, in die schattige Kühle eines Gotteshauses tritt. Eine Notwendigkeit.
Nachdem das letzte Album „The Eye Of Every Storm“ sehr ruhig ausgefallen ist, erweist sich „Given To The Rising“ wieder als heavy und düster in der von Neurosis gewohnten Manier. Es gibt auch keine langen Trommelrituale und Ausflüge in den Grenzbereich noisigen Rauschens und Fiepens. Die musikalischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sind wahrnehmbar eingeflossen und das Album wirkt so konsistent, dass man es eigentlich am Stück durchhören muss.
„Given To The Rising“ ist ein sehr gutes Neurosis Album, mit gewohnt epischen Songs und einer grossen Bandbreite an Sounds. Fans der Band, die insbesondere an „The Eye Of Every Storm“ Kritik geübt haben, dürften wieder versöhnlich gestimmt werden und doch ist das Album klar ein Schritt vorwärts, hin zu den Zielen von Neurosis, die laut eigener Aussage lauten: „Sonic exploration, spiritual dedication, purity and originality of heart.” (Steve von Till) und Scott Kelly brachte es folgendermassen auf den Punkt: „The ultimate goal of Neurosis is to leave behind a legacy”. Vier Punkte.
Seit 18. Mai 2007 im Handel.
Anspieltipps: Am Besten alles am Stück
Trackliste: 1)Given To The Rising; 2) Fear And Sickness; 3) To The Wind; 4) At The End Of The Road; 5) Shadow; 6) Hidden Faces; 7) Water Is Not Enough; 8) Distill; 9) Nine; 10) Origin
similar artists: Isis,
Killing Joke, Pelican, Red Sparowes
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Bio:
Neurosis formierten sich 1985 in Oakland, Kalifornien. Das erste Album „Pain Of Mind“ erschien 1987, das zweite „The Word As Law“ mit Neuzugang Steve von Till als zweitem Sänger und Gitarristen. Von Anfang arbeiteten Neurosis daraufhin, ihre Einflüsse zu einem neuen Extrem zusammenzuführen. Die Direktheit von Black Flag trifft auf die Tiefe von Pink Floyd, die ausufernden psychedelischen Eskapaden Hawkwinds kumulieren mit der Schwere von Black Sabbath sowie der bedrückenden Atmosphäre von Industrial-Wegbereitern wie Throbbing Gristle. Stilbezeichnungen dafür waren Mangelware, heute arbeiten Tausende von Postrock-Bands mit den Elementen, welche Neurosis kreiert und weiterentwickelt haben.
„Souls At Zero“ (1992) erschien auf Jello Biafras Label Alternative Tentacles, was der Band grössere Publikumsreichweite und damit verbunden einen Popularitätsschub brachte.
„Enemy Of The Sun“ (1993), machte noch deutlicher, wie sehr sich die Band auch dem Thema Spiritualität widmete – der letzte Track besteht aus einem hypnotischen, gut zehnminütigen Perkussionsstück, das von neun Personen eingetrommelt wurde.
„Through Silver In Blood“ erschien 1996, mit Noah Landis an Bord als neuem Keyboarder. Die Band stand mittlerweile bei Relapse Records unter Vertrag.
Auftritte mit Pantera und Black Sabbath im Rahmen der Ozzfest Tour, trugen viel zur Verbreitung des Namens der Band bei.
Steve Albini wurde erstmals mit den Aufnahmen zu „Times Of Grace“ (1999) betraut und ist seither Stammproduzent.
Wichtiger Bestandteil von Neurosis waren seit den Anfängen visuelle Effekte, sowohl was Videos als auch Live-Auftritte der Band anging. Die „A Sun That Never Sets“ DVD aus dem Jahre 2001 ist ein Zeugnis davon, wenn auch ein unvollkommenes im Vergleich zu einem Konzert der Band.
Markant im Schaffen von Neurosis ist die 2004 erschienene Platte „The Eye Of Every Storm“, welche die Band von einer ungewohnt ruhigen Seite zeigt.
„Given To The Rising“ erschien just im Mai 2007 und ist eine Weiterentwicklung bezüglich gezielter Instrumentierung, aber auch ein Schritt in Richtung eigener Wurzeln, was die Zugänglichkeit (wenn man das im Falle von Neurosis überhaupt schreiben kann) und was den Grundsound betrifft.
Neben Neurosis verfolgen die meisten der Musiker noch andere musikalische Projekte (Tribes Of Neurot, The Enemies, Blood And Time, Red Sparowes…) und Steve von Till arbeitet am dritten Soloalbum.
Das Label „Neurot Recordings“ ist ebenfalls eine Schöpfung der Band, nicht nur für ihre eigenen Veröffentlichungen, sondern insbesondere auch um im Geiste verwandtes Musikschaffen zu unterstützen.