Von Eichhörnchen und Keyboardmusik Ein neuer Befehl bzw. Auftrag schneite kürzlich ins Haus - besser gesagt der langersehnte neue Tonträger von New Order. Wer kennt sie nicht, die seit 25 Jahren unermüdlich kreativen New Wave-Elektropoprocker, deren neustes Produkt genauso viel 80er Charme wie muntere Heiterkeit versprüht.
Schlaflose Nächte, Essstörungen, Übelkeitsanfälle, Brechreiz und Durchfall - was haben wir gelitten... Doch es hat sich gelohnt; wir wurden für sämtliche Strapazen belohnt und zwar mit "Waiting For The Sirens' Call". (Schon wieder geht's um's Warten, Seich!) Vier Jahre liessen sich New Order Zeit, um einen würdigen Nachfolger für ihr legendäres, grandios kurzweiliges Meisterwerk "Get Ready". Wer diese CD liebte, wird den jüngsten Wurf mögen. (Jawohl, nicht mehr lieben, nur noch mögen.) Jedenfalls konnten wir schon beim ersten Hinhören die Nasen und Ohren dem Takt entsprechend in Bewegung versetzen. Kurz darauf einigte man sich auch per Mund, dass es sich um ein starkes Album handelt. Es sind die eingängigen Melodien, die stets mitsingende Gitarre, die unverwechselbare Basslinie und natürlich die sich häufig zu Wort meldenden elektronischen Klänge. Alles zusammen löst den angenehm gewohnten Glückshormonschub aus, wobei wahrscheinlich auch Kamerad Frühling seine Finger im Spiel hat. Irgendwie tönt's, als ob die Sonnenstrahlen direkt aus den Boxen rasen - zusammen mit den aktuellen Wetterverhältnissen eine wahre Freude. (Doch wer spricht schon über's Wetter?) Man bekommt direkt Lust auf Ritiseilen und Gigigampfen. Belanglos, fröhlich, entlastend, locker leicht und sahnig. Ein Soundtrack, der dazu motiviert, sein Leben zu geniessen. Ach wie schön... Wie ein Roadmovie kommen die Tracks daher, man möchte glatt (natürlich im Repeatmodus) an unendlich langen, mit Blümchen, Eichhörnchen und Powerpuff Girls gesäumten Strassen entlang fahren. Die Musik überschreitet nie die Geschwindigkeitsgrenze, Radarfallen lassen einen kalt und im Stau bleibt man dank ewig treibendem Schlagzeug eh nie stecken. Schlimmstenfalls überrollt man einige Eichhörnchen. Wie Kinderüberraschung: spannend, verspielt, intelligent verpackt und süss. Je nachdem, welches Abspielgerät man mit dieser CD füttert (schliesslich gibt's Stereoanlagen betreffend gewaltige, zum Teil traurige Qualitätsunterschiede), entdeckt man immer neue Klänge und Feinheiten, dank denen es schwierig wird, sich die Scheibe verleiden zu lassen. Da steckt viel Vitamin C drin! Musik, die gesund und munter macht wie frisch gepresster Orangensaft, Erdbeeren ab Staude oder Esspapier. Alles andere als schwere Kost wie sie Snickers, Mars (Volta), zersautes Risotto oder Polenta bieten. Mangels Fettgehalt die optimale Frühjahrsdiät. So, hier nun die einzelnen Zutaten: Der Einstieg gelingt perfekt, locker-flockig (wie ungekochter Härdöpfuschtock) und munter-rockig mit den Eröffnungstracks "Who's Joe" und "Hey Now What You Doing", wobei Ersteres very New Order-like dahersaust und vielleicht eventuell ein klitzekleines bisschen an "Crystal" erinnert, besonders bezüglich Refrain und Akkordfolge. "Who's Joe" zeichnet sich durch einen weltklasse Aufbau aus: Schönes, sphärisches Intro, treibende Drums, packende Strophen, mitreissender Refrain, tiptop. Nr. 2 erinnert gleich beim ersten Gitarrenriff an die allseits beliebten R.E.M. Luftig-leicht wie ein Schaumgebäck, grausam schön melodiös, äusserst animierend zum sanften Mitwippen, mit wunderbarem Strom- bzw. Akustikgitarrenklang, sehr sympathisch. Die Stimme des Endvierzigers Bernard Sumner kling wie diejenige eines zwanzigjährigen Schnösels, auch sympathisch. "Hey Now What You Doing" ist bereits unser Favorit, wir geben acht von fünf Sternen (- sozusagen das Zückerchen auf dem i). Die Singleauskopplung "Krafty", der wohl heiterste Song des Silberlings, würde wohl jeden noch so dunklen Raum erhellen, haut uns, als Freunde der melancholischen Musik, jedoch nur halb aus den Socken. "I Told You So" fällt auf durch den Dancehall-Beat und erinnert an die Discos der flotten 90er; sehr tanzbar, obwohl wir mit unseren Holzbeinen auf Tanzflächen eher an Marionetten als an Dirty Dancing erinnern und deshalb eigentlich keine Kommentare über die Tanzbarkeit von einzelnen Liedern abgeben sollten. Leider Gottes hat jedes noch so gute Album seine Schwachstellen; wir erkennen sie jeweils im Refrain von "Jetstream" und "Guilt Is A Useless Emotion". Bei "Jetstream" im Refrain: J.E.T. (tschei-i-ti) tönt nach Y.M.C.A. und solch poppiges Gestottere ist halt nicht jedermanns Sache. Zweiteres überzeugt dank schwachem Dance/Technobeat und "I Need Your Love" etc. im Refrain überhaupt nicht - wirklich nur was für fanatische, in den 80ern steckengebliebene Vokuhilas, die auf Liebes-Gejammer stehen. Fazit: Der Vorgänger "Get Ready" wird nicht übertroffen, trotz ganz schön glänzenden Perlen. Als Neuentdecker dieser Band muss man sich erst mal an ihren Stil gewöhnen. Man soll sich mit der Materie auseinandersetzen wie man dies normalerweise mit guten Büchern so tut. Empfehlenswert für die reifere Zielgruppe, nichts für Partytiger und Kommerzpüppchen. Seit 25. März 2005 im Handel. Anspieltipps: Who's Joe, Hey Now What You Doing similar artists: Joy Division, U2, R.E.M. > Hören und Kaufen > Offizielle Seite > Label > CH-Vertrieb Bio: Die englische Band New Oder wurde 1980 aus den verbleibenden Mitgliedern Joy Divisions gegründet. Vom New Wave anfangs der 80er Jahre über Dance bis zum heute vorherrschenden Elektropoprock überlebte die Band sämtliche musikalischen Höhen und Tiefen dieser 25 wilden Jahre. Der grösste Erfolg war wohl "Blue Monday", das sich bis 1988 die weltweit meistverkaufte Single nennen durfte. Das Comeback-Album "Get Ready" schlug ein wie eine Bombe und fand entsprechend zügig ein grosse Anhängerschaft.  Diskographie (Auswahl): > Movement (1981) > Power, Corruption & Lies (1983) > Low-Life (1985) > Brotherhood (1986) > Technique (1989) > Republic (1993) > Get Ready (2001) > Waiting For The Sirens' Call (2005)
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