Über 20 Jahre haben die New York Dolls kein Album mehr
veröffentlicht. Nicht zuletzt dank Morrisseys gutem Zureden liegt ihr
neuester Wurf nun in den Plattenläden.
Legenden sind sie, die New York Dolls. Als Begründer des Cross-Dressing und des Punk „before there was a term for it“ (so Musikkritiker Stephen Thomas Erlewine) beeinflussten sie unzählige Bands, von welchen die meisten heute bekannter sind als die Dolls selber.
Doch selbst für Legenden gelten gewisse Regeln und man muss sich bei der Sichtung des Covers ihres ersten Studioalbums seit 1974 doch fragen: Darf man das? Da posieren sechs mehr oder weniger abgelebte Männer in einem rosaroten Raum, Plateauschuhe fehlen ebensowenig wie die pinke Federboa, und als Blickfang sitzt Sänger David Johansen, auf dessen Figur sogar Posh Spice neidisch wäre, auf einem Barhocker. Mit rot lackierten Fingernägeln.
Na gut, über Geschmack lässt sich ja streiten. Dies gilt ebenso für die Musik. Von der Fangemeinde wurde „One Day It Will Please Us To Remember Even This“ heiss erwartet und der eine oder andere dürfte zweifelsohne enttäuscht sein. Das Album beginnt zwar vielversprechend mit einer Kaskade von Instrumenten: Der Bass eröffnet den bunten Reigen, dann schliessen sich nach und nach die anderen Bandmitglieder an. Cool. Das Chörli „We're All In Love“ zerstört aber alles, zuviel des Klischees, zu platt der Gesang. Der Rest des Albums lässt einen hin- und hergerissen zurück. Mal strotzen die Songs vor Energie und lassen die Nachgeborenen einen flüchtigen Eindruck der glamreichen 70er erhaschen und der prägende Einfluss der Dolls schimmert durch (siehe „Dance Like A Monkey“). Zuweilen hangelt sich Johansen aber auch durch unsägliche Bon-Jovi-ähnliche Schmalznummern („Maimed Happiness“, „I Ain't Got Nothing“). Der Sound ist zwar meist solid, trocken, energetisch. Doch des Frontmanns Stimme ist ebenso ambivalent wie die Songauswahl: Ist sie erfahren, etwas angerauht oder schlicht passé? Man kann sich nicht entscheiden.
Vielleicht hätten es die New York Dolls besser bei ihrem Legendenstatus belassen. Nach ihrem Reunion-Auftritt am Meltdown Festival 2004, der von Morrissey organisiert worden war, waren die Reaktionen zwar noch ungeteilt begeistert gewesen. Das neue Album ist aber leider kein ungetrübter Rock'n'Roll-Spass. Doch ein wahrer New York Dolls Fan wird sich eines Tages sogar daran gerne erinnern...
Seit 21. Juli 2006 im Handel.
Anspieltipps: Dance Like A Monkey; Fishnets And Cigarettes; Dancing On The Lip Of A Volcano
Trackliste: 1) We're All In Love; 2) Runnin' Around; 3) Plenty Of Music; 4) Dance Like A Monkey; 5) Punishing World; 6) Maimed Happiness; 7) Fishnets And Cigarettes; 8) Gotta Get Away From Tommy; 9) Dancing On The Lip Of A Volcano; 10) I Ain't Got Nothing; 11) Rainbow Store; 12) Gimme Luv And Turn On The Light; 13) Take A Good Look At My Good Looks
similar artists: The Stooges, Twisted Sister, The Ramones
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Bio:
1971 wurden die New York Dolls in ebendieser Stadt gegründet. Das Original-Lineup setzte sich aus David Johansen (voc), Johnny Thunders (git), Rick Rivets (git), Arthur Kane (bas) und Billy Murcia (dr) zusammen. Schnell wurde Rivets allerdings durch Syl Sylvain, dem Mann mit dem legendären Namen ersetzt. Die Band zog durch ihren druckvollen Sound und ihren androgynen Style, Cross-Dressing genannt, einen grossen Fanzirkel an. Prominentestes Mitglied desselben ist wohl Ex-Smith Morrissey, der den englischen Dolls-Fanclub präsidierte.
Ihr kultiges Image konnten sie allerdings nie in bare Münze umwandeln – ihr Ding war den meisten Plattenfirmen zu trashig und keines ihrer zwei Alben, die sie bei Mercury aufnahmen, war ein kommerzieller Erfolg. Auch die Zusammenarbeit mit Malcolm McLaren (später Manager der Sex Pistols) fruchtete nicht. So löste man sich Ende der 70er-Jahre auf.
Jahrelang hörte man von den Dolls nicht viel. Bis bereits erwähnter Morrissey die New York Dolls 2004 für einen Auftritt am Meltdown Festival zusammentrommelte. Reunion-Pläne scheiterten aber vorerst am Tod des Bassisten Kane.
Von den Gründungsmitgliedern waren nun also nur noch Johansen und Sylvain übrig. Die Aufnahmen zu „One Day It Will Please Us To Remember Even This“ wurden durch Sami Yaffa, Steve Conte, Brian Koonin und Brian Delaney ergänzt.
Diskographie:
> New York Dolls (1973)
> Too Much Too Soon (1974)
> One Day It Will Please Us To Remember Even This (2006)