Zum vierzehnten Mal und diesmal wieder hellwach: Nick Cave und seine Bad Seeds mit einem neuen Album.
Gemessen an der musikalischen Überraschungsarmut, welche die letzten Alben von Nick Cave und seinen Bad Seeds auszeichnete, ist das kürzlich erschienene “Dig, Lazarus, Dig!!!“ eine wirkliche Kehrtwende. Nick Cave scheint hier vor jenem Punkt angesetzt zu haben, an dem er sich definitiv auf später liebgewonnene Abwege begab – vor dem '90 erschienenen “The Good Son“ also, oder definitiv vor dem kommerziell besonders erfolgreichen “Murder Ballads“. Näher liegt aber, dass das letztjährige “Grinderman“-Projekt nicht nur uns, sondern auch den Machern selbst viel Vergnügen bereitet hat. Genau wie “Grinderman“ erinnert der hier eröffnende Titeltrack “Dig, Lazarus, Dig!!!“ unvermeidlich an Caves Punk-Anfänge, überrascht mit knackigen Rock-Riffs und viel Groove, einer Eingängigkeit und Nonchalance, die auf den letzten Alben mit den Bad Seeds völlig verloren gegangen war. Wirkte “Grinderman“ allzu oft erschlagend einfältig, wird hier atemlos den geistreichen Worten des erzürnten Predigers gelauscht, etwa wie er sich über den Gemütszustand von Lazarus von Bethanien Sorgen macht, nachdem Jesus jenen wiederauferstehen liess.
Den Schwung des Openers nimmt das folgende “Today's lesson“ gleich mit, und auch da und später immer wieder tauchen sie auf: die klanglichen Ausrufezeichen, deren Aufgeregtheit ansteckend wirkt, der eingängige Chorus, der zum ungehemmten Mitsingen verleitet. Auch wenn die neuartigen Klänge viel eher Rückbesinnung denn wirkliche Innovation verkörpern, ist eine erfrischende Experimentierfreudigkeit fast immer zu verspüren. Neben anderen Stücken sind auch im verhaltenen und doch bebenden Dunkelstück “Night of the lotus eaters“ und dem grandiosen Bluesrocker “We Call Upon The Author“ geloopte Elemente zu vernehmen, an anderen Stellen sind es kreischende Gitarren und Orgeln, die wüten.
Die wirklichen Höhepunkte erklimmen die Australier aber interessanterweise mit den ruhigsten Stücken: Wunderschön ist das besinnliche “Hold On To Yourself“, bei dem quietschende Geigen als dauernd wiederkehrender Loop eine merkwürdige Unruhe in den ansonsten verträumten Song bringen. Und schöner noch “Jesus Of The Moon“, in dem das bislang arg geschmähte Piano wieder den Weg zu den melancholischen Chansons der letzten Alben weist.
“Dig, Lazarus, Dig!!!“ wird kaum je im selben Atemzug mit den ernsteren “Boatman's Call“ oder “No More Shall We Part“ genannt werden, wenn's um die besten Alben Caves geht. War auch nie so geplant.
Seit 28. Februar 2008 im Handel.
Anspieltipps: Dig, Lazarus, Dig!!!, We Call Upon The Author, Hold On To Yourself, Jesus Of The Moon
Trackliste: 1) Dig, Lazarus, Dig!!!; 2) Today's Lesson; 3) Moonland; 4) Night Of The Lotus Eaters; 5) Albert Goes West; 6) We Call Upon The Author ; 7) Hold On To Yourself; 8) Lie Down Here (And Be My Girl); 9) Jesus Of The Moon; 10) Midnight Man; 11) More News From Nowhere
similar artists: Grinderman, Tindersticks, American Music Club, The Afghan Wings,
PJ Harvey
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Bio:
Nick Cave wurde im September 1957 in Australien geboren. Schon während seinen Highschool-Jahren gründete er eine erste Band, die sich später in “The Birthday Party“ umbenennen sollte. Kurz nachdem Nick Cave und seine Bandmitglieder 1983 von London nach West-Berlin zogen, löste sich die Gruppe wieder auf, und wenig später gründete Nick Cave zusammen mit Multi-Instrumentalist Mick Harvey, Einstürzende Neubauten-Sänger Blixa Bargeld und Barry Adamson die Band The Bad Seeds. Von der Originalformation gehört neben Bandleader und Sänger Nick Cave heute noch Mick Harvey der Band an. Barry Adamson verliess die Bad Seeds 1986 schon wieder und sollte später in Sachen Acid Jazz und Filmmusik für Furore sorgen, Blixa Bargeld entschied sich 2003 dazu, sich wieder ausschliesslich den Einstürzenden Neubauten zu widmen. Zur aktuellen Line-Up gehören seit 1985 der Zürcher Drummer Thomas Wydler, Martin Casey am Bass, Conway Savage an Tasteninstrumenten, Warren Ellis an der Violine, Jim Sclavunos an Perkussionsinstrumenten und James Johnston an Orgel und Gitarre. Seit dem 1984 veröffentlichten Debüt “From her to eternity“ erschienen bislang 13 weitere Studioalben. Seit den 90ern-Jahren ist Nick Cave immer wieder auch nur mit einem Trio bestehend aus Bad Seeds-Mitgliedern auf Tournee. Daraus entstand 2006 schliesslich die Zweitband Grinderman, wobei jene sich im Vergleich zum ruhiger gestimmten Solo-Tour-Quartett durch einen rohen Garage-Rocksound unterschied. Seit einiger Zeit begibt sich Nick Cave jeden Morgen in sein Büro und schreibt dort seine Musik. Von einer aussergewöhnlichen Produktivität zeugen so auch die letzten zwölf Monate. Innerhalb der letzten zwölf Monate erschien neben der Grinderman-Scheibe und dem vierzehnten Studioalbum auch der gemeinsam mit Warren Ellis aufgenommene Soundtrack zum Western “ The assassination of Jesse James by the coward Robert Ford“