Die Geschichten der Nina Nastasia sind traurig wie schön, depressiv optimistisch und voll von Ausbruchslust.
"On Leaving" beginnt mit einer Raumskizze in einem Wohnblock eines ärmeren Viertels ("Jim’s Room") und geht sofort wieder von dort weg. „Brad Haunts A Party“ schlägt dann wie ein lange geplanter Ausriss ein, wie eine wütende Flucht mit viel Energie und aufgestauten Gefühlen. Kaum an der Bushaltestelle angekommen, trifft man dann auf seinen Mitgefährten. So schnell geht das auf „On Leaving“; ein gefährlicher, aber interessanter Antagonismus liegt in der Hetze dieser doch so langsamen, spärlich arrangierten Folksongs. Man hat stets das Gefühl, Nina Nastasia renne vor ihren eigenen Songs weg. Und das klingt verdammt gut. Auch „Counting Up Your Bones“ hört dann auf, wenn es nicht mehr spannend werden würde und setzt Tempoverschärfungen so geschickt ein, dass ein herrlicher Song entsteht.
Hauptverdächtiger ist da natürlich Produzent Steve Albini, der einmal mehr grosse Arbeit leistete. Die musikalische Abstimmung, vor allem die des Klaviers auf Nastasias zurückhaltende Stimme, ist sehr gelungen. Im „Treehouse Song“ ist das in den Momenten von leicht östlichem Charme gut zu hören. In diesen Sekunden wird „On Leaving“ am spannendsten, weil es aufregend und individuell ist. Leider fallen ein paar Songs so wenig auf, dass sie wie schüchterne Schafe kaum zur Geltung kommen und nur mittels höherer Konzentration überhaupt erfasst werden. Allerdings sind auf Nina Nastasias viertem Album eigentlich allesamt stark komponierte Tracks, die durch Vielseitigkeit und Disziplin zu glänzen vermögen, nur fällt einem das nicht immer gleich ins Auge. Was aber auf der ganzen Platte fehlt, sind der Wahnsinn des Genies und die Prise Verrücktheit, die der Nastasia doch so gut stehen würden. Man möchte nicht sagen, „On Leaving“ sei bieder, aber staunen und ausrasten wird man ab der Mehrheit dieser zwölf knappen Lieder auch nicht. Aber da sind zum Glück ja noch die prächtigen Lyrics der jungen Amerikanerin: „Running rooftops like the river boys do / Kiss me once and you say I love you / You make it cold in my heart / But promise you will never leave me behind” aus “Setting Song” ist genauso toll wie die wunderschönen Zeilen aus dem entwaffnend optimistischen „Our Day Trip“: “We'll be safe out in the sun / We'll split a bottle on a boat / Two souls alone out on a lake / It will be the perfect afternoon / We can lose our clothes and have a swim”. Und zum Schluss singt sie noch „You had so much more ambition“ und zu glauben ist, sie habe das auch.
Seit 8. September 2006 im Handel.
Anspieltipps: Brad Haunts A Party; Our Day Trip; Counting Up Your Bones; Treehouse Song;
Settling Song
Trackliste: 1) Jim’s Room; 2) Brad Haunts A Party; 3) Our Day Trip; 4) Counting Up Your Bones; 5) Dumb I Am; 6) Why Don’t You Stay Home; 7) One Old Woman; 8) Treehouse Song; 9) Lee; 10) Settling Song; 11) Dird Of Cuzco; 12) If We Go To The West
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Bio:
In Los Angeles geboren und aufgewachsen, verschlägt es Nina Nastasia zu Beginn der Neunzigerjahre erst nach Seattle, dann nach New York. Nachdem sie als Kind das Klavier spielen lernt, steigt sie auf dem Weg nach Osten auf die Gitarre um.
Mit der Unterstützung ihres Lebensgefährten Kennan Gudjonsson nimmt sie ein Demotape ihres Materials auf und schickt es an Steve Albini, einem der bekanntesten Produzenten der Indie-Rock-Szene (u.a. Pixies, Breeders und Helmet). Der ist so angetan, dass er sie 1999 in sein Studio nach Chicago einlädt. 2000 erscheint ihr Debütalbum "Dogs". „Es ist eines meiner Lieblingsalben“, erzählt Albini Jahre später. „Das Album ist gleichzeitig so bescheiden und grandios, dass ich stolz bin, daran mitgewirkt zu haben.“ Ein Exemplar von „Dogs“ gelangt bis nach England in die Hände des DJs John Peel, der die Lieder in seiner BBC-Sendung bringt und Nastasia mit Band 2002 in sein Studio einlädt, um ihre Stücke live einzuspielen. Zu diesem Zeitpunkt hat Nastasia einen Plattenvertrag mit Touch & Go in der Tasche und bereits zwei Nachfolgealben aufgenommen, "Run To Ruin" und "The Blackened Air", das 2003 erscheint. Die Nachfrage nach "Dogs" bleibt allerdings so hoch, das ihr neues Label es im Juni 2004 mit überarbeiteter Gestaltung wieder auf den Markt bringt. 2006 erscheint ihr viertes Album: „On Leaving“.