Industrial versöhnt sich mit Pop. Es wird gemütlicher. Trent Reznor wird zahm und sozialverträglicher. Man darf sogar mitsingen und mittanzen.
Geschätztes Auditorium,
was hat man nicht gehüpft und geschwitzt, wenn einmal anlässlich einer öffentlichen Tanzveranstaltung "Broken" von den Nine Inch Nails zum Besten gegeben wurde! "This is the first day of my last days ..." ("Wish") - welche Weisheit in dieser Textzeile liegt, kann nur ermessen, wer jung und wild war, hungrig nach Ekstase, Noise, Autodestruktion und Aggressivität. Tempi passati. "All The Love In The World" heisst der Opener. Es lässt für die Zukunft der Menschheit hoffen, wenn selbst Profi-Pessimisten schon allenthalben Liebe erkennen. Reznor entwickelt nicht erst in diesem Song melodische Strukturen, aber unseres Wissens erstmals versucht er nicht, sie mit Expressivität, mit Wut zu zerstören. Hier werkeln nicht mehr die Nine Inch Nails, wie man sie über eine Dekade lang kannte und schätzte. Aber ihr Tun ist nichtsdestoweniger überzeugend. Selbstverständlich findet sich alt Bekanntes auf "With Teeth" - der Gesang kämpft schreiend gegen Beat und Synthesizer-Klangteppich, eine Noise-Decke kreiert ein minutenlanges Crescendo ("You Know What You Are"), verzerrte Tonfetzen malträtieren die Ohren -, aber oftmals ist man überrascht, dass sich vieles in Minne auflöst ("Beside You In Time"). Einstweilen staunt man gewissermassen Bauklötze, welche gewagten Pop-Muster Reznor gelingen ("Only"), man kann bisweilen nicht länger umhin, Reminiszenzen an U2 zu argwöhnen ("The Hand That Feeds"). Nicht lassen kann es der Amerikaner - niemand möcht' ihm dies ernstlich verdenken -, mit seiner Ausstrahlung zu kokettieren, sich treifend süssem Narzissmus hinzugeben ("Love Is Not Enough"). Nichts eingebüsst hat der Multiinstrumentalist von seinen technischen Fähigkeiten. Ausser den Drums, für die er Ex-Nirvana-Kombattant bzw. Foo-Kämpfer Dave Grohl und Jerome Dillon engagiert hat, behandelt er sämtliche Instrumente alleine. Das Gitarrenspiel überzeugt wie eh und je ("With Teeth"; "You Know What You Are"), die Synthesizer weiss sowieso kaum jemand - ja, ja, ausser New Order, Depeche Mode, Camouflage, Cure, Bravery, Bloc Party, Radiohead usw. - derart gekonnt einzubringen ("Sunspots") - über die Piano-Passagen müsste man allerdings ernsthaft diskutieren. Besonders erkenntlich zeigt sich Reznor dem Liebhaber des differenzierten Sounds ("The Line Begins To Blur"). Das ist reif, das erfreut. Der Vorwurf, zwischen den deliziösen Hauptgängen werde ein kitschiges Häppchen mit peinlichem Uhuhu-Gesang und Piano-Gesülze serviert ("Right Where It Belongs"), ist in Anbetracht der Qualität des restlichen Mahles lässlich. Unseres Erachtens ist's ein Ding der Unmöglichkeit, einzelne Stücke hervorzuheben. Das gesamte Pop(!)-Opus zeigt, dass Nine Inch Nails sich wesentlich entwickelt haben. Wohin die Reise gehen wird, weiss man nicht. Hoffentlich wird's nicht noch gemütlicher, 's wäre schade.
Unsere Ansicht: Selbst hören und selbst urteilen. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit. Seit 2. Mai 2005 im Handel. Anspieltipps: You Know What You Are, Getting Smaller, The Hand That Feeds similar artists: The Young Gods, Marilyn Manson (mit grossen Einschränkungen), Peace Love And Pitbulls, Ministry, Skinny Puppy, Revolting Cocks ⇒ Hören und Kaufen ⇒ Offizielle Seite ⇒ Label ⇒ CH-Vertrieb Bio: Nine Inch Nails wurden 1988 von Trent Reznor (Jahrgang 1965) in Cleveland, Ohio gegründet. Musikalisch bewegt sich Reznor, der mit unterschiedlichen Leuten zusammenarbeitet, also einziges festes Mitglied von Nine Inch Nails ist, in härteren Gefilden. Wir wollen an dieser Stelle den Stil als Industrial definiert wissen. Heavy Metal, Noise, Gothic, (New-) Wave (The Cure; Depeche Mode) und Elektro sind die Koordinaten, innerhalb derer die Ein-Mann-Show gegeben wird. Die legendären, kontrovers diskutierten Bühnenshows waren - über neuere Performances ist der Rezensent nicht im Bilde - geprägt von Lack, Leder, Sado-Maso-Orgien und wilden Schlägereien zwischen dem Mastermind und seinen Musikern. Inhalte werden dominiert von Posen. Nicht zuletzt wegen der Mache erfreuen sich die Nine Inch Nails einer stattlichen Anhängerschaft in der Gothic-Bewegung. Bis zu "With Teeth" konnte man sich nicht des Eindruckes erwehren, dass sich Reznor darin genügt, sich künstlerisch als permanenter Selbstzerstörer in Szene zu setzen. In der Affektiertheit dieser Selbstinszenierung ging zu leicht vergessen, dass der Mann musikalisch über ein ungeheures Potential verfügt und grossartige Musik kreiert.  Diskographie: (Eine ausgezeichnete Liste findet sich unter http://de.wikipedia.org) ⇒ Pretty Hate Machine (1990) ⇒ Broken (1992) ⇒ Fixed (Remix von Broken) (1992) ⇒ The Downward Spiral (1994) ⇒ The Fragile (1999) ⇒ Things Fall Apart (2000) ⇒ Damaged (2000) ⇒ And All That Could Have Been (Live-Album) ⇒ With Teeth (2005)
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