Alle Freunde der gepflegten Nachtmusik mit Vorliebe für
ebendieses Genre der Achtzigerjahre sollten sich ein Stelldichein mit
den No Tears geben. Sie werden sich an gemeinsamen Obsessionen laben.
Geschätztes Auditorium,
No Tears als Name für eine Band ist nun wahrlich nicht originell, selbst wenn er laut Mastermind Paul Fiction auf einen zugegebenermassen exzellenten Song von Tuxedomoon anspielt. Aber was tut’s zur Sache, wenn dieser Name für derartige Musik firmiert? Natürlich würden die französischen Düstermusikanten bei den Donaueschinger Festtagen kaum viel Applaus einheimsen, denn sie bieten weder musikalisch noch textlich (immerhin in Französisch, Englisch, Französisch/Englisch [„12 Drummers Drumming“] und Lateinisch) für die Gattung Neues – aber viel Gutes.
„Possession“ ist wohl beispielhaft für das anzuzeigende Album. Bereits nach den ersten Momenten ist der musikalische Bezugsrahmen der No Tears nicht zu leugnen: Bauhaus und Konsorten – schattige Achtziger-Musik über Liebe, Sex, Schmerz, Tod, Verzweiflung, Sprachlosigkeit: „Je ne crois plus au devin / je ne crois plus au divin.“ Kennt man schon, aber ist derowegen nicht schlechter. Die eiskalte, leicht verstörende Leadgitarre dient in „Possession“ wie im (programmatisch gemeinten?) „Réincarnation“ gleichermassen als unfehlbares Navigationsmittel bei der akustischen Orientierung. Wenn in „A Wonderful Day“ im Hintergrund gar dezent Synthesizer-Klänge die markante Stimme des Sängers Kristian Dernoncourt untermalt, der Bass phasenweise à la New Order intoniert, ist die Generation des Schreibenden musikalisch sozusagen zu Hause angekommen bzw. findet sich unversehens in einer Welt, die unter einem „cloudy dark full of hate“ Himmel liegt. Wie man des wohl wichtigsten Musikproduktionsmittels des Wave, des „claviers“, bedient, ohne sich im Kitsch zu verirren, manifestiert Paul Fiction ausgezeichnet in „Paradoxe“. Die Drums, in forschem Tempo, dominieren, die Stimme verstummt (folgerichtig, da angekündigt: „mes mots sont muets“) nach dem Intro, die Gitarre lässt sich auf ein raffiniertes Duett mit Elektronik ein – eine durchdachte, interessante Dreieinhalb-Minuten-Komposition, wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat. An Cures damals noch jungen Röbi Schmid erinnert der tanzbare Opener „Afraid Of“ nicht nur gesanglich, sondern auch aufgrund des sphärisch-tragenden Charakters des Synthesizers. In „Joie Minimale“ ist bei genauem Hinhören zu erkennen, wie verspielt und zugleich autonom Vincent K seine Gitarre zu zupfen weiss, ohne dass der Song zu zerfallen droht. Rockiger überzeugt er neuerlich im unmittelbar folgenden „Possession“, das für unseren Geschmack eine übertriebene Dosis Pathos erhalten hat – notabene ein Ärgernis vieler Bands dieses Typus.
Unseres Erachtens ist der alternierend in Englisch und Französisch vorgetragene Track „12 Drummers Drumming“ unbestritten der Hinhörer. Bei dieser eigentlichen Hymne haben ohne jeden Zweifel Bauhaus mit „Bela Lugosi“ Pate gestanden. Selten wurde ein überzeugenderes musikalisches Plagiat gegeben. Leider ist zu monieren, dass dies nicht aus linguistischer Sicht gilt: No Tears sollten sich der Sprache der Grande Nation befleissigen. Englisch und besonders Latein – „Sabbat“ sind schlicht 80 alberne, daher verschenkte Sekunden auf einer sowieso ultrakurzen Platte – liegen ihnen weniger. Die Ahnherren Bauhaus werden ferner unverkennbar in „A Wonderful Day“ zitiert, wobei sich Dernoncourt mitunter stimmlich überflüssigerweise anbiedernd an Murphy heranwagt.
Letzten Endes ist „Obsessions“ ein hervorragend und stilvoll aufgearbeitetes Resümee der Wave-Historie, das unverschämt knapp geraten ist (nur 35 Minuten – und dies nach 4 Jahren Pause). Alte Hasen werden in Erinnerungen schwelgen, die Lieder mehrheitlich geniessen, um hernach wieder einmal zum Original zu greifen. Dem jüngeren Auditorium könnten No Tears eine Tür in die Achtzigerjahre öffnen, in eine Perspektive eines Kosmos vorschlagen, der nicht hinreichend mit Ronald Reagan, dem „Gleichgewicht des Schreckens“, Konsum, MTV und SAT1, VW Golf GTI, gepolsterten Schultern, Kopp-Rücktritt, Modern Talking, Neue Deutsche Welle, Dire Straits und Michael Jackson zu definieren ist. Ein feines Opus.
Unsere Ansicht: Man höre und beurteile all dieses selbst. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit.
Seit 23. Februar 2008 im Handel.
Anspieltipps: 12 Drummers Drumming, Afraid Of, A Wonderful Day, Possession
Trackliste: 1) Afraid Of; 2) Joie Minimale; 3) Possession; 4) A Wonderful Day; 5) Paradoxe; 6) Réincarnation; 7) Sabbat; 8) 12 Drummers Drumming; 9) In[can]décence
similar artists: Bauhaus (markante Stimme), (frühe)
The Cure (der Bass), Guerre Froide (Atmosphäre), Little Nemo
> Offizielle Webseite > MySpace > Label/CH-Vertrieb
Bio:
No Tears wurden 2001 von Paul Fiction (Synthesizer), einem erklärten Liebhaber von achtziger Synthie-New Wave, und einem befreundeten Gitarristen gegründet. Wenig später stiess Vincent K (Bass/Gitarrre) dazu, der zuvor bei Cyanhide tätig war; zwei Titel erscheinen 2002 auf einem Sampler ihres Labels Str8line Records. Im folgenden Jahr komplettieren Kristian Dernoncourt (ehemals Bunker Strasse und Renaissance Noire, Gesang), Dominique Oudiou (früher Neutral Project, Gitarre), und Fernando Million (Drums) die Band. Die Zusammenarbeit gipfelt im Album „Borderline“, das 2004 vom Label Str8line Records herausgebracht wird. Danach verlegen sich No Tears auf Konzerte, figurieren allerdings (u. a. mit Mephisto Waltz und Faith & Muse) auf der Kompilation „New Dark Age“ (2005) des österreichischen Szenelabels Strobelight Records. Nach einer Umbesetzung im Jahr 2006 (D_Lex und Olivier Rhein ersetzen Dominique Oudiou und Fernando Million) touren die Franzosen vor allem durch ihr Heimatland (u. a. mit Guerre Froide) und beginnen anschliessend mit der Produktion von „Obsessions“.