2004: In Deutschland wird noch einmal ein Röcheln des dahin siechenden
Patienten Trip Hop vernommen. Trotz einiger gelungener Titel vermag
aber Patty Moons Debüt das Genre nicht wiederzubeleben.
2008: Goldfrapp, Portishead, Tricky, Martina Topley-Bird und Emiliana Torrini veröffentlichen neue Alben.
Trotzdem kann nicht von einem Trip-Hop-Revival gesprochen werden, auch die Grössen dieses verbleichenden Genres können sich der Musikentwicklung der letzten Jahre nicht entziehen. In diesem Jahr schreiben Patty Moon in der Mitteilung zu ihrem neuen Album, dass „das Duo [...] der melancholischen Seite moderner Avantgardisten wie
Radiohead und
Kate Bush näher [stehe] als Acts wie
Portishead,
Björk und
Goldfrapp". Der Patient schliesst endgültig die Augen.
Der Richtungswechsel steht den Deutschen gut zu Gesicht. Konnte man
dem Vorgänger bis zu einem gewissen Grad noch fehlende Eigenständigkeit vorwerfen, wirkt der Zweitling bedeutend origineller und gereifter. Den Erwartungen, die die Demo-CD bei out-of-space.ch geweckt hat, wird das Album weitgehend gerecht. Patty Moon haben sich weitgehend von elektronischen Spielereien verabschiedet, was allerdings den Spieltrieb der beiden (Patty Moon/Judith Heusch und Tobias Schwab) eher beflügelt zu haben scheint. So werden unter anderem eine Spieluhr, eine Westerntrompete und gar ein Beatmungsgerät als Tongeber verwendet und so die an sich eher klassische Instrumentierung bereichert.
Der erste Track ist wohl als Abschied von dem vom
Notwist-Produzenten Thaler produzierten Debüt zu verstehen. Dominiert wird der Track zwar von einem überaus nervösen Klavier und der Stimme von Patty Moon, im Hintergrund sind allerdings immer noch Notwist'sche Frickeleien zu vernehmen. Auch wenn der Refrain ein bis zwei mal zu oft repetiert wird, sicher ein schöner Einstieg ins Album. Abgesehen von den Elektro-Spielereien ist der erste Titel sehr typisch für das Album, das vom Gegensatz von unruhigen, teils verspielten und überdrehten Instrumentierungen und den meist eher ruhigen und beschaulichen Melodien lebt.
Von diesem Muster auszubrechen scheint vermeitlich „Flapping Monsters". Sehr gemächlich, nur von einem Klavier, Pattys Stimme und schlichter Perkussion getragen, staut der Song aber eine grosse Wucht an, die sich nach gut zwei Minuten orgastisch entlädt. Gegenteilig verhält sich „Your Murderer", welches dramatisch beginnt und anschliessend mit einer beinahe kitschigen Spielzeugklavier-Melodie ausklingt. Die Kürze von nur knapp zwei Minuten steht dabei dem Song sehr gut, für mich einer der schönsten Pop-Songs des aktuellen Jahres.
Daneben ist auch der von einem Blechspielzeug getragene, zum Teil an ein mit übermütigen Kindern besetztes Karussell erinnernde Track „Hurt" zu erwähnen. Wenn Colleen für „Colleen Et Les Boîtes À Musique" den Auftrag gegeben hätte, eine lebendigere, schnellere Version ihrer Tracks zu erzeugen, würde das bestmögliche Resultat wohl etwa so klingen. Dunkel, sehr dunkel kommt das sich mit dem Thema Isolation beschäftigende „Starving" daher. Das Cello droht den Hörer zu zerreissen und die Klarinette lässt die Sehnsucht nach einem Ausbruch spürbar werden. Auch die an Tom Waits erinnernde Tango-Nummer „Straight Alone" überzeugt.
Der Zweitling kann als eine befreiende Abkehr von zum Teil eher zu dominanten Referenzen bezeichnet werden. Die teils träumerischen, teil bedrohlichen, immer aber gekonnt arrangierten Songs überzeugen und wirken erfrischend eigenständig. Manchmal werden für meinen Geschmack gewisse gute Ideen allerdings fast zu sehr ausgekostet, gewisse Melodien zu oft wiederholt, was aber das gelungene Gesamtkunstwerk kaum negativ beeinträchtigt.
Zum Schluss bleibt die Frage, woher die Referenz Radiohead kommt. Viel eher fühlt man sich an Tom Waits oder
Cat Power erinnert, wobei die Stimme von Patty Moon wohl derjenigen von Alison Goldfrapp am nächsten liegt. Allerings ist das Nennen von Einflüssen aus oben genannten Gründen sowieso nicht so einfach. Reinhören lohnt sich.

Seit 03. Oktober 2008 im Handel.
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