Genre: Lo-Fi, Rock, Indie | Label: Matador (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 6.5/10
Geschmackspolice Academy 7
Da setzt man sich als argloser Rezensent an den Rechner und bestellt die neue Pavement-CD im naiven Glauben, diese würden im Zuge ihrer erstaunlich begeistert abgefeierten Re-Union ein neues Album auf den hungrigen Markt werfen.
Und dann das: „Quarantine the Past“ (klar, denkt man jetzt: schon der Titel!) ist ein Best-Of ganz ohne neues Stück. Bis zum legalen Limit aufgefüllt mit 23 Tracks und 74 Minuten Spielzeit. Für den Kenner gibt’s nix Neues, und auch der Einsteiger sollte sich erst von „Crooked Rain, Crooked Rain“ oder „Terror Twilight“ anfixen lassen.
Leider wird dieser enttäuschende Ersteindruck auch beim ersten Hören nicht entkräftet. Zu lieblos wirkt das ganze Paket, und die bei jeder Hitsammlung erwartete innere Stimmigkeit will sich auch nicht finden. Schon der erste Song „Gold Soundz“ transportiert die von vielen so geschätzte emotionale Schräg- und Stimmlage, die man sich lieber für die Mitte aufgespart hätte. Warum beginnt man, grübelt der Konventionalist, nicht mit einem Kracher wie „Unfair“, der stattdessen irgendwo in der Halbzeitpause untergeht?
Rundheraus zugestanden: Fast jeder Pavement-Song hat das Zeug zur persönlichen Heldenhymne. Nur 23 hintereinander sind schwer zu ertragen. Wofür Pavement von den einen geliebt und von den anderen verachtet werden, lässt sich daher aber in toto so kristallklar heraushören wie sonst selten auf ihren regulären Alben. Der charmant heruntergespielte Lo-Fi-Sound, die zuweilen leicht daneben wirkende Tonalität, die verspielte Persiflage: Epigonen dieser Elemente gibt’s heute natürlich und auch. Und doch, oder warum nicht: „gerade deshalb“ klingen Stücke wie „Here“, „Stereo“, „Cut Your Hair“, „Heaven is a Truck“ und „Embassy Row“ (das das beste ist) heute mehr denn je nach den Originalen, die sie immer sein wollten.
Davon, mehr Distinktionspotential, aber weniger Wumms aufzufahren als etwa Nirvana, deren Stern gerade versank, als ihrer aufging, haben Pavement immer gelebt (bis zum Split 1999). Immer knapp am Airplay vorbei zu schrammeln, gelang auch anderen verwandten Bands auf ähnlich professionelle Weise. Doch Guided By Voices oder selbst die Pixies trafen bzw. treffen auf weniger Aufmerksamkeit.
Seltsam ist es schon, dass Pavement sich heute zu Everybody’s Darlings zu entwickeln scheinen, nachdem sie vorher einer bebrillten Streberschicht vorbehalten waren, die sich aber (wie die allseits geknuddelten „Nerds“ generell) von einer wenn auch massgeblichen, dennoch belächelten Geschmackspolizei zu einer anerkannten Style-Autorität entwickelt hat.
Seit 9. März 2010 im Handel.
> Hören und Kaufen > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Anspieltipps:
> Stereo
> Embassy Row
> Shady Lane
> Unfair
> Heaven Is a Truck
Diskographie:
> Slanted and Enchanted (1991; 2002 als Luxe & Reduxe wiederveröffentlicht)
> Westing (By Musket & Sextant) (1993; Compilation der ersten Eps)
> Crooked Rain, Crooked Rain (1994; 2004 als LA's Desert Origins wiederveröffentlicht)
> Wowee Zowee (1995; 2006 als Sordid Sentinals Edition wiederveröffentlicht)
> Brighten the Corners (1997; 2008 als Nicene Creedence Edition wiederveröffentlicht)
> Terror Twilight (1999)
> Quarantine the Past (2010)
Ähnliche Künstler:
> Stephen Malkmus & The Jicks
> Pixies
> The Thermals