Genre: Singer/Songwriter | Label: Bella Union (Irascible) | Unsere Wertung: 7.0/10
Fernab jedweder Emanzipation
Alle Augen auf: Philip Selway. Das ist für ihn sicher ungewohnt, fackelt er doch auch solo kein Feuerwerk ab. Eher entfacht er ein Kaminfeuer im Kreise der Familie. Das passt dann auch besser zu ihm. Eigentlich passt es sogar sehr gut.
Philip Selway ist nicht das berühmteste Mitglied von Radiohead. Einige meinen auch, er sei das unterschätzteste. Der Schlagzeuger einer der einflussreichsten Bands aller Zeiten muss aber sicher nicht aus dem Schatten springen, den er selber mit seinen Bandkollegen wirft. „Familial“ stimmt vielmehr mit dem Eindruck überein, den man von aussen bisher von ihm haben konnte: ruhig und besonnen. Phasenweise sogar schon so vorsichtig, als könnten seine Songs zerbrechen. Nur „Beyond Reason“, eines der besten Stücke, erinnert ein bisschen an das, was Selway sonst mit Radiohead auf die Beine stellt. Aber wirklich nur ein kleines bisschen. Ansonsten ist „Familial“ eine lupenreine Singer/Songwriter-Platte, die vielmehr aus dem Folk als aus dem Postrock entstanden ist. Und Schlagzeug spielt vor allem Glenn Klotche von Wilco – und dies auch äusserst selten. Weitere Unterstützung bekam Selway von Lisa Germano und damit von einer Künstlerin, deren Genialität unbestritten ist, die aber ebenso wenig das grosse Rampenlicht sucht. Irgendwie macht diese Platte also Sinn.
Selway beweist dabei ein sicheres Händchen für eingängige, düstere und zuweilen auch etwas schräge Melodien. Nie aber verkrampft und keineswegs introvertiert. Die Verletzlichkeit und sentimentale Note in diesen zehn Songs sind vielleicht die grösste Überraschung auf „Familial“. Versiert und stilsicher spielt der Mann die akustische Gitarre, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und tatsächlich schreibt er Songs, seit er 15 ist. Eine gewisse Reife ist demnach auszumachen. Selway wagt den Schritt an die Front, ohne dass er sich von irgendetwas emanzipieren müsste. Der viel zitierte Rotwein darf ruhig zu Songs wie „All Eyes on You“ atmen. Da macht es auch nichts, wenn die Gedanken mal etwas abschweifen. Die Fernbedienung der Anlage bleibt unberührt, man muss höchstens ab und zu etwas an der Lautstärke drehen, wenn Selway seine Texte fast schon haucht, mit seiner nicht überragenden aber absolut einnehmenden Stimme, in die er mehr Gefühl zu legen weiss als manch anderer Songwriter. Das darf dann auch mal etwas sehr lieblich geraten wie etwa in „Falling“. Aber wer will schon rumnörgeln, wenn ein Mann endlich Gefühle zeigt. Na höchstens diejenigen, die hinter jeder ehrlichen Note Pathos vermuten.
Seit 27. August 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> By Some Miracle
> Beyond Reason
> All Eyes on You
Diskographie:
> Familial (2010)
Ähnliche Künstler:
> Nick Drake
> Stone Gossard