Sie möge keine Glanzlicht, emotionstote und endlos geschönte Live-DVDs. Der Zuschauer solle sehen, hören und fühlen können, wie es auf Tour zu und her gehe: Unordentlich, durcheinander und stets unvorhersehbar.
Guter Ansatz, gut umgesetzt, Projekt gelungen.
Dass der Fan und Konsument oben drauf zugleich und zugleich zuhauf in den Genuss von Statements und einem ausführlichen Interview der eher kamera- und interviewmikrophonscheuen Person mit einem guten Schuss an Niedlichkeit und extravagantem Geschmack in Sachen Kleidung – aka PJ Harvey – kommt, grenzt dann ans Maximum des Erwarteten. Frau Harvey zeigt sich für ihre Verhältnisse überaus offen und extrem gesprächig, teils sogar prächtig witzig und lustig, ohne jedoch auch nur eine Sekunde die Fassung oder gar die Kontrolle zu verlieren. Sie gewährt tiefe Einblicke, ist und bleibt dabei jedoch das Mysterium in Person: PJ Harvey, die Ausnahmekünstlerin, welche wohl immer schwer fassbar bleiben dürfte. Nur gut so – irgendwie.
Zur dargebotenen Musik: Eigenwillige Auswahl der Tracks, unterschiedliche Locations, an denen gefilmt wurde (teilweise inkl. Soundcheck oder Rehearsals) und grundsätzlich kein statisches Einfangen des Bühnengeschehens (allesamt Impressionen der „Uh Huh Her“-Tour 2004). Herauszustreichen – bzgl. Bühnenperformance – nebst der stets profan, doch 100%-stilsicher gekleideten Frau Harvey, ist deren Tour-Gitarrist und Übermusiker Josh Klinghoffer; wie’s scheint, ein Seelenverwandter der Akrobatik!
Versteht man die DVD als kleines Karriereresümee – ohne Anspruch auf eine Best Of-Setlist – so wird einem noch deutlicher klar, welch begnadete Komponistin wie Musikerin Polly Harvey ist. Die spärlich instrumentierte, aber eindringlich treffende Umsetzung ihrer Songs sucht seinesgleichen. PJ Harvey hört man halt nicht einfach so beim Vorbeigehen; meint, ein Vorbeihören wird niemals erschliessen können, die Wucht und zeitgleiche Zerbrechlichkeit ihrer Melodien, perfekt vereint mit den teils doch kruden, expliziten Texten.
Einziges Manko ist und bleibt: Die nichts schönen wollende DVD vermag trotz allem nicht das zu transportieren, was man an einem PJ Harvey-Konzert leibhaftig miterleben würde – ich erinnere mich da an Southside 2004: Schauder meinen Rücken runter.
Ein Muss für Fans („Uh Huh Her“ und „Evol“ gelten als bislang unveröffentlicht) und wer die Wahnsinnsfrau – das Unikum – noch nicht wirklich kennt und gerne ab und an eine DVD anschauen mag, dem sei vorliegendes Produkt als Einstieg mehr als nur empfohlen, denn O-Ton PJ: „Being on tour it’s not just real, it’s like being under water!“
Seit 5. Mai 2006 im Handel.
Anspieltipps: Uh Huh Her, Taut, Big Exit, A Perfect Day Elise, My Beautiful Leah
Trackliste: 1) Meet Ze Monsta; 2) Dress; 3) Uh Huh Her; 4) Taut; 5) Down By The Water; 6) It’s You; 7) Big Exit; 8) Harder; 9) The Darker Days Of Me And Him; 10) A Perfect Day Elise; 11) Victory; 12) Catherine; 13) Who The F**k; 14) Evol; 15) My Beautiful Leah; 16) The Letter
similar artists: Nick Cave (die weibliche Form halt), teilweise ältere
The Cure
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Bio:
Hervorgegangen aus der Band Automatic Dlamini beginnt anfangs der Neunziger ein Trio namens PJ Harvey die britische Independent-Szene aufzumischen. 1992 erscheint das Debütalbum „Dry“ und wird frenetisch abgefeiert. Der mitreissende Sound, angesiedelt zwischen Kraft und Melodie und die agile Frontfrau tun das Nötige dazu. In gleichbleibender Besetzung wird 1993 „Rid Of Me“ veröffentlicht, was gleichzeitig als Schlussstrich des Trios PJ Harvey zu werten ist. Im gleichen Jahr erscheint die rohe Scheibe „4-Track-Demos“, die PJ Harvey – 1969 geborene Polly Jean Harvey, von Captain Beefheart beeinflusst – als eigentliche Solokünstlerin etabliert. Weltweiter Ruhm, diverse Musikpreise und Grammy-Nominierung sind die Folge. PJ Harvey bestreitet indes das Vorprogramm von U2.
In 1995 offeriert die zierliche Frau mit „To Bring You My Love“ bis dato eine der erfolgreichsten Alternative-Platten und tritt mit dem wunderschönen Nick Cave-Duett „Henry Lee“ des Cave-Albums „Murder Ballads“ in Erscheinung. Der Nachfolger „Is This Desire?“ hält den offensichtlich gewachsenen Ansprüchen von Medien und Fans nicht stand. 1999 schliesst sie sich wieder mit den alten Bandkollegen zusammen und lanciert „Stories From The City, Stories From The Sea“ wofür sie in 2000 den Mercury Music Prize verliehen bekommt. Der letzte offizielle PJ Harvey-Output ist das erstmalig allein produzierte Album „Uh Huh Her“, wessen Tour den Inhalt zur DVD „PJ Harvey On Tour – Please Leave Quietly“ liefert.