Wenn manch einer „Meds“ nur simpel als Placebos Rückkehr zum Wesentlichen bezeichnet, so halte ich dagegen – entschieden.
Nach zugegebenermassen mehrmaligem Durchhören konkludiere ich
jedenfalls, die bisher beste und gleichzeitig alle ihre Vorgänger
vereinende Produktion Placebos gehört zu haben. Der Band gelingt ganz
offensichtlich das grandiose Kunststück, die erlangte Erfahrung, das
vorhandene Können und die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten zu
kanalisieren und dadurch ein musikalisches Optimum in Form von 13 Songs
– rund 48 Minuten – zu kreieren.
Auf „Meds“ verkörpern Placebo die perfekte Harmonie:
Rock-Elektro-Pop-Melancholie-Progressivität-Individualität! Alles was
bisher eher partiell und dafür leicht ungleichgewichtet auf den
vergangenen Veröffentlichungen zu gegen war, ist für einmal symbiotisch
vereint und wohlgemut proportioniert; eine Klasse für sich.
Gleich zu Beginn im Titeltrack „Meds“ – völlig unerwartet, aber gut –
erklingt bei Placebo derart noch nie gehörtes
Akustikgitarrengeschrammel, kurz darauf Einsatz des Gesangs – Molkos
Stimme, unverwechselbar – dann der bezaubernde Frauengesang (Alisson
Mosshart) im schief-komisch wunderbaren Refrain „...Baby, Did You
Forget To Take Your Meds?“; ich jedenfalls bin soweit ganz Ohr.
„Infra-Red“ führt fort, was der Opener schon brachte: Rock mit
zusätzlichen Electronicaverzierungen, die dem Song nur Gutes tun. Ein
Stellvertreter des typischen Placebo-Schaffens vergangener Tage.
„Drag“ lässt mich dann erstmals Böses befürchten. Waren die ersten
beiden Titel noch richtig gut, so entfaltet sich „Drag“ als ein
unnötiges und qualitativ minderwertiges Plagiat ihrer selbst.
Doch der gewagte Schritt in Richtung Nummer vier wird nicht einfach
„nur“ belohnt, nein, „Space Monkey“ verkörpert die Steinigung mit
Wohlgefühl; Robert Smith (The Cure) dürfte Inspirationsquelle gewesen
sein und sich für seine nächsten Taten hier wohlweislich selbst welche
holen; fürchterlich schön!!!
Tja und was einmal geht, geht dann auch ein zweites Mal. „Follow The
Cops Back Home“ – ein Echospiel mit Xylophon und Hallwandrefrain – hält
den Level weiterhin höchst; welch ein Genuss.
„Post Blue“ und „Because I Want You“ sorgen dann für leichte Ab-, nicht
aber Unterkühlung, liegen sie qualitativ gewertet zwischen den beiden
Startertracks und dem Schlechtesten „Drag“.
Die Bilderbuch-Story „Track Nr. acht bis 13“ ist schnell erzählt: Level
allgemein wieder höchst, wobei entzückendes Klavierspiel mit
ebensolchem Jammerrefrain („Blind“), die nachdenklich stimmende
Monotonie („Pierrot The Clown“), der wunderbare Gesangsevent Stipe vs.
Molko in „Broken Promise“, das autobiographische und mich direkt
aufsaugende, denn direkt ansprechende „One Of A Kind“ mit effektvollem
Pitch-Up-Delay, das wahrhaft verkaterte „In The Cold Light Of Day“
sowie das Abschlussmanifest und Überwerk „Song To Say Goodbye“ Placebo
vollends zu Rittern der rockigen Populärmusik schlagen.
Ich bin – abgesehen von der Cover- und Booklet-Graphik und vor allem
ausgenommen von Song #3 sowie stellenweise der Songs #6 und #7 –
vollauf begeistert, annähernd enthusiastisch; schon bald hysterisch.
Seit 10. März 2006 im Handel.
Anspieltipps: Meds; One Of A Kind; Space Monkey; Follow The Cops Back Home; Song To Say Goodbye
Trackliste: 1) Meds; 2) Infra-Red; 3) Drag; 4) Space Monkey; 5)
Follow The Cops Back Home; 6) Post Blue; 7) Because I Want You; 8)
Blind; 9) Pierrot the Clown; 10) Broken Promise; 11) One Of A Kind; 12)
In The Cold Light Of Day; 13) Song To Say Goodbye
similar artists: ich find’ Placebo besetzen ’ne eigene Nische
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Bio:
Geborener Amerikaner (Brian Molko, Gesang und Gitarre) wächst
international u.a. in Libanon, Luxemburg und Liberia auf. Trifft 1994
in der Londoner U-Bahn auf den ihm von der luxemburgischen Schule
bekannten Schweden Stefan Olsdal (Bass). Olsdal folgt der Einladung
Molkos zu einem seiner Gigs, bei welchen der Sänger/Gitarrist vom
heutigen Placebo-Schlagzeuger Steve Hewitt unterstützt wird. Olsdal ist
beeindruckt ob des kredenzten Liedguts Molkos und so beschliessen die
beiden fortan unter dem Namen Ashtray Heart zusammen zu musizieren.
Hewitt ist zu dieser Zeit mehrheitlich mit seiner Hauptband Breed
beschäftigt, weshalb er alsbald auch durch Stefans Freund – Robert
Schultzenberg – ersetzt wird.
Auf dem Label „Fierce Panda“ – dem Startlabel von z.B. Oasis oder
Coldplay – veröffentlichen sie bereits im Oktober 1995 ihre ersten
Songs (Split 7“). Kurz darauf erhält die Band einen neuen Deal bei
Deceptive Records (u.a. Elastica), wo sie ihre erste komplett eigene
Single „Come Home“ veröffentlichen.
In der Folge erhalten Placebo seitens eines begeisterten David Bowies
eine Einladung ins Vorprogramm von dessen Tour. Im Juli 1996 erscheint
das lang ersehnte Debut des Trios (diesmal auf Hut Recordings), welches
in Grossbritannien Goldstatus erlangt und die Single „Nancy Boy“ die
Platz vier Chartsplatzierung schafft. Der Erfolg fördert sogleich erste
bandinterne Spannungen zu Tage, so dass Drummer Schultzberg im Juli
1997 die Band verlassen muss, was die „Rückkehr“ von Steven Hewitt
ermöglicht.
Der Rest ist – wie man so schön zu sagen pflegt – Geschichte und gehört zur Allgemeinbildung.
Diskographie:
> Placebo (1996)
> Without You I’m Nothing (1998)
> Black Market Music (2000)
> Sleeping With Ghosts (2003)
> Soulmates Never Die – Live In Paris (2004)
> Once More With Feeling (2004)
> Meds (2006)