Muss mit dem Pop-Album ein weiteres Opfer des Artensterbens in Folge
der Ausbreitung des Breitbandinternets beklagt werden? Wird die
wohlgeordnete Sammlung von Songs trotz des Siegeszuges von
iTunes-Shuffle-Mode, Filesharing und Myspace ihr Überleben sichern
können? Ein Verteidigungsmechanismus der bedrängten Art besteht im Prinzip „Konzeptalbum“. Zwar lassen sich einzelne Titel davon immer noch unabhängig vom Album-Ganzen anspielen, der maximale Hörgenuss wird aber nur beim vollständigen Hören in der vom Künstler vorgesehenen Abfolge garantiert.
Der Ansatz, welchen Guillermo Scott Herren unter seinem wohl bekanntesten Pseudonym Prefuse 73 verfolgt, ist deutlich radikaler. Er präsentiert ein Album, das in knapp 49 Minuten 29 Tracks abarbeitet. Davon bewegen sich die meisten um die Minutenmarke, gewisse sind aber auch nur einige Sekunden lang. Verirrt sich einer dieser Kürzesttracks in den Shuffle-Modus, wird sich wohl kaum Begeisterung einstellen. So wirkt Titel Nr. 3, ein gut einminütiger orientalisch anmutender, rhythmusdominierter Track, allein gestellt wohl eher langweilig, genauso wie Nr.4, eine süsse Wiegen-Melodie. Erst nacheinander gespielt, durch die Kombination von Perkussion und Melodie, entsteht ein packendes Stück Musik. Bedeutend gesteigert wird die Wirkung aber noch, wenn vorher Nr. 2 (ein aufbauender, metallischer klingender Hip-Hop-Beat) und danach Nr. 5 (ein Beat, der an Nr. 2 anschliesst, und Orchestergrabengeräusche) dazu genommen werden.
So funktioniert das Album wie ein DJ-Set. Jeder Track besteht nur aus einem oder ein paar wenigen Trackbestandteilen, welche erst verknüpft mit den anderen Soundschnipsel wirklich zu glänzen beginnen. „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, soll Aristoteles gesagt haben. Auf „Everything She Touched Turned Ampexian“ zumindest trifft dies zu.
Allerdings finden sich vor allem gegen Ende des Albums hin, wenn sich der Hörer eigentlich langsam an die Minitracks gewöhnt haben dürfte, ein paar längere Titel, wovon sechs eine Spiellänge von über drei Minuten aufweisen. Während „No Lights Still Rock“, welcher piepst und quietscht wie ein rostiges Uhrwerk, die Verbundenheit mit Warps Vergangenheit auszudrücken scheint, kommen „Simple Loop Choir“ und „Formal Dedications“ sehr reduziert daher. Gemeinsamen haben alle Tracks des Albums einen Bezug zu den siebziger Jahren, die Verwurzelung im Hip Hop und immer wieder asiatisch anmutende Klangelemente. Zudem wird viel Wert auf harmonische Gesänge gelegt, welche meist über die komplexen, wenig gebändigten Beats und die exotischen Samples dominieren. Dies lässt in einigen Momenten eine gewisse Nähe zu Alben wie „Andorra“ von Caribou entstehen.
Trotzdem: Unanstrengend ist die Platte nicht, kommen doch die 29 Tracks den Episoden einer komplexen TV-Serie gleich, bei der der Zuschauer selbstständig Regelmässigkeiten und Zusammenhänge entdecken muss und nur derjenige, welcher bereit ist, dies auch zu tun, wirklich Genuss empfinden wird. Wem dies gelingt, sei auf die beiden fast gleichzeitig erscheinenden Alben von Herren unter den Pseudonymen Savath & Savalas und Diamond Watch Wrists hingewiesen.
Statt mit einer ausführlichen Zusammenstellung von subjektiven Plus- und Minuspunkten des Albums sei dieses Review mit den folgenden Worten Herrens aus einem Interview mit De:Bug beendet:
„Wenn die eigene musikalische Bewertung in den Händen von fünfzehnjährigen Bloggern liegt, ist man irgendwie ja auch ziemlich am Ende.“
(as, älter als 15)
Seit 24. April 2009 im Handel.
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Dies ist eine Rezension unserer Partnerseite
out-of-space.ch.