Klar, irgendwann werden uns die Van Dannen-Texte zu sinnlos und ebenso logisch geht es uns hier genau gleich. Passt’s gerade, so schreien wir auch „Viel besser als zu wenig ist ein Riesenhaufen Kacke“ mit. Sonst lachen wir nur darüber. So oder so ist „Mick Jagger“ ein verdammt geiler, trashiger und skurriler Popsong und der deutlich stärkste Track dieses Albums. Leider wechseln sich auf „Wir Leben Wie Gespenster“ aber Gut und Böse im Schnellzugstempo ab. Seltsam, dass beinahe alle unbekannteren deutschen Platten brillante, wie auch schreckliche Aspekte beinhalten. „Der Affe Und Der Ich“ ist grässlich, „Gerümpel Zu Verkaufen“ beginnt kongenial im Abfall-Furioso und zieht sich irgendwie so dahin. Wenn sich all die deutschen Bands, die in den letzten Jahren engagierte und originelle Produktionen abgeliefert haben, mal zusammentäten und nur das Beste nehmen würden, entstünde wohl ein monumentales Werk. Aber bitte lasst das Ganze dann Dirk oder Jochen singen, denn diese müden, schläfrigen Systemfick-Stimmen – wie sie auch André Möhl hat - sind wir langsam leid. Ebenso genug haben wir von der Nennung von Personen wie Reinhold Messner und anschliessenden Floskeln wie „Ich steige noch viel höher“. Und dann sind wir wieder mittendrin in der Sinn– und Zusammenhangslosigkeit, fern von Zeitgeist aber doch schrecklich trendy und überhaupt anstrengend und kompliziert.
Natürlich ist die zweite Platte von Rocket/Freudental witzig und vielseitig, von mir aus auch kreativ und belebt. Nichtsdestotrotz sind einige Songs – so auch der Titeltrack – ebenso geschmacklos wie originell. Man dürfte es all den Konsumenten da draussen auch mal einfacher machen; rhythmischer und wohliger in der Musik (ok, das ist ja der Witz, dass es beides nicht ist) und deutlicher in den Worten. Ich bin es satt, immer nur Parolen an Wände schmieren zu müssen. Wo bleiben die Geschichten vom schüchternen Mädchen, das sich in seine Nachbarin verliebt hat?
Um diese Bitte faktisch zu unterlegen, der Anfang von „Das Leben Läuft Aus“: „Wir flicken sie zusammen, wenn’s sein muss aus den kleinsten Stücken. Chefarzt Doktor Lebenslauf mit riesenhaften Lücken. Übermorgen gibt mir eine Spritze, während ich noch bei der nächsten Woche sitze.“ Na? Das klingt vielleicht gut, lässt sich auch problemlos mitsagen, aber das bleibt weder hängen noch ist da was dahinter. Ausschlaggebend formuliere ich meine Bitte jetzt an alle kreativen, deutschen Bands und Interpreten (inklusive Rocket / Freundental):
Lasst euch doppelt so viel Zeit für eine CD, macht doppelt so viele Songs, streicht die schlechten Tracks weg und singt wieder über die wichtigen Dinge im Leben: Liebe, Arbeit, Freundschaft, Tod – und Früchte.
Seit dem 22. März 2006 im Handel.
Anspieltipps: Mick Jagger; Gerümpel Zu Verkaufen; Nervöse Romy Schneider
Trackliste: 1) Mick Jagger; 2) Der Affe Und Der Ich; 3) Gerümpel Zu Verkaufen; 4) Fahre Einfach; 5) Wir Leben Wie Gespenster; 6) Das Leben Läuft Aus; 7) Schlangenlinien; 8) Das Reine Und Das Gute; 9) Hans-Georg Holt Uns Ab; 10) Nervöse Romy Schneider; 11) Trinker Müssen Trinken
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Bio:
Rocket / Freudental, das sind die Stuttgarter Musiker Robert Steng und Andre Möhl. Minimalismus, Pop, Punk sind die drei Pfeiler, auf denen die beiden ihr Haus gebaut haben. „Wir Leben Wie Gespenster“ ist nach „Die Weisheit Wächst Auf Bäumen“ (welches letztes Jahr erschienen ist) ihr zweites Album. Heraus kam ein spezieller Disco-, Krautrock- und Synthesizer-Mix und ein harter, rockiger Gesang, der das Ganze noch eindringlicher und vehementer klingen lässt. Furchtlos mischen sie Samples, Rock, Techno und Gitarrensoli von Profi-Muckern, teure wie billige Sounds, Studio- und Homerecording. Da wird die Musikgeschichte durchwühlt und zu Tage kommen die Themen des Alltags, die niemanden verschonen: Arbeit, Freundschaft, Kummer und Spaziergänge im Wohngebiet.