Auf ihrem Drittwerk spannen Röyksopp mit der ersten Liga
skandinavischer Sängerinnen zusammen. Diese “femmes fatales“ werden
ihnen allerdings unverhofft zum Verhängnis.
Im Vorfeld wurde “Junior“ als Album angekündigt, das die besten Elemente der beiden ersten Alben vereint. Der Opener “Happy Up Here“ ist in der Tat dies angekündigte Aufeinandertreffen. Das lustige Gebleepe scheint direkt aus dem genialen “Eple“ entwendet, der schwulstige Sound ist aus “The Understanding“-Zeiten bekannt. In seinem weiteren Verlauf geht das Album aber durchaus seinen eigenen Weg, weniger von Rückbesinnung denn von Weiterentwicklung sollte hier die Rede sein. Oder auch nicht - ob man denn wirklich von Weiterentwicklung sprechen will, wenn sich Röyksopp an Kylie Minogue oder Madonna orientieren, sei dahingestellt. Das norwegische Duo betritt mit seinem neuen Album nun definitiv das Dance-Pop-Terrain des Mainstreams.
Dieser Eindruck ist vor allem auf das Mitwirken vieler namhafter Gäste zurückzuführen. Die süsslichen und dünnen Stimmchen von Lykke Li und Robyn versuchen sich vergeblich gegen abgeschmackte House-Pop-Beats, ärgerliche Synthies und klebrige Melodien zu behaupten. Karin Dreijer-Andersson (The Knife) versagt nicht ganz so schmerzlich: "This Must Be It“ erinnert an fast (und zu Recht) vergessene Euro-Dance-Ausflüge einer Björk, am holpernden Synthie-Schwergeschütz “Tricky Tricky“ gäbe es nichts auszusetzen, wären die Lyrics nicht ganz so jämmerlich.
Was “Junior“ beinahe unerträglich macht: Es gibt in diesen Missgriffen immer wieder Elemente, die in Erinnerung rufen, dass hier eben nicht eine seelenlose Fliessbandproduktion vorliegt, sondern tatsächlich nicht ganz verloren gegangene Genies am Werk waren. Die Streicher gegen Ende des kitschigen Synth-Pop-Ausflugs “The Girl And The Robot“ etwa, oder das charmante Innervisions/Too High-Zitat bei “Vision One“ sind solche Momente, die von echter Leidenschaft zeugen.
Kaum überraschend: “Junior“ ist dann am stärksten, wenn geschwiegen wird. Auch in “Röyksopp Forever“ tragen die Norweger noch zu dick auf, als dass sich das Unwohlgefühl verflüchtigen könnte, aber dennoch: das fantastische Streicher-Arrangement über dem sanft schleppenden Beat hat eine Wärme und Euphorie inne, die in eisige Höhen hebt und wenn das Stück seinen Gipfel erreicht, dann scheinen selbst Goldfrapp aus ihren frühen Zeiten nicht mehr so fern. “Silver Cruiser“ ist entspannend und spannend zugleich, mischen die beiden Norweger hier doch entrückt wirkende Shoegaze-Spuren in das zurückhaltende IDM-Konstrukt. Diese Lichtpunkte sind aber nur ein schwacher Trost für ehemalige Liebhaber.
Röyksopp muss das nicht kümmern, die Massen dürften das perfekt produzierte "Junior" begeistert aufnehmen. Es hat mehr Hits als ihre beiden vorigen Alben zusammen - auf der Strecke bleibt nur, wer dem keine Bedeutung zumisst.
Ab 20. März 2009 im Handel erhältlich.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label > CH-Vertrieb
Anspieltipps:
> Happy Up Here
> Röyksopp Forever
> Silver Cruiser
Diskographie:
> Melody A.M. (2001)
> The Understanding (2005)
> Junior (2009)
Ähnliche Künstler:
> Air
> Goldfrapp
> The Knife
> Madonna
> Kylie Minogue
> Télépopmusik
2"Mit etwas Abstand ..."
am Montag, 30. März 2009 11:33
Addendum: Die Ankündigung von Senior in der zweiten Jahreshälfte stellt Junior in ein etwas anderes Licht. Dieser jugendlichen Verspieltheit kann im Wissen um das ernstere Werk definitiv lockerer entgegnet werden. Für eine Änderung der Bewertung seh ich zwar keinen Anlass gegeben, ist der musikalische Gehalt schliesslich immer noch sehr mangelhaft, aber Spass dran ist erlaubt – ich ärgere mich zumindest nicht mehr so sehr wie erst noch.