Sa DingDing singt Mandarin, Mongolisch, Sanskrit sowie eine selbstkreierte Sprache. Ich nehme meinen Hut und verbeuge mich tief ob ihrem Talent. Und auch wenn Marius De Vries (Björk, U2) die Finger in Spiel hatte, bekunde ich meine Mühe mit der fernöstlichen Björk.
Vor allem aus Interesse am asiatischen Musikschaffen orderte ich das Werk „Harmony“ der mir bis anhin fremden chinesischen Sängerin Sa DingDing. Durch den Hinweis ’produced by Marius De Vries’ (welcher bei Björks „Debut“ die Finger im Spiel hatte und mit den Sneaker Pimps arbeitete) erwartete ich schlimmstenfalls seriösen Pop. Der Name Sa DingDing war mir irgendwo bereits einmal zu Ohren gekommen, unter Verdacht stehen hier jedoch primär die nicht immer vertrauenswürdigen Massenmedien. Sa DingDing ist jung, hübsch, exotisch und geheimnisvoll. Ergo sollte sie doch in unserem ach so weltoffenen und freundlichen Kulturkreis erfolgreich sein.
Auf „Harmony“ findet man hauptsächlich gleichermassen sanften wie seichten Pop mit asiatischer bzw. chinesischer Note. Diese Note wird hauptsächlich der Pferdekopfgeige sowie den doch relativ unverständlichen Sprachen Mandarin und Sanskrit verdankt. Übertrumpft werden diese einzig durch eine von Sa DingDing selbst kreierte Sprache. Zitat aus dem grundsätzlich angenehmen Lied „Yun Yun Nan Nan“: ’’Ei Sa Ba Lu Ki A Ba Lu Ja Sang Ba Loi…’’. Glücklicherweise sind die Texte im Booklet auf Englisch nachzulesen. Umso erschreckender, dass diese sich als Mischung aus Ethno-Kitsch, pseudo-esoterischen Floskeln und nicht nur so verstandenem, sondern tatsächlich so gemeintem Shalalalala zusammensetzen bzw. enttarnen. Eine buddhistische Schrift wird dann im Song „Xi Carnival“ gar aufs Gemeinste vergewaltigt bzw. zersungen. Auch Mantras kommmen unter die Räder des auf europäischen Geschmack ausgerichteten Massenpops. In “Pomegranate Woman” findet man gar sattelfestes Emanzentum (’Can the sun take a rest? can the moon take a rest? Woman cannot take a rest’).
Musikalisch wird vor allem simple, vereinzelt dezent bombastische, elektronische, längst abgelaufene Konservennahrung geboten. 90er Eurotrash meets Ambient meets Dance-Music meets Pferdekopfgeige. Dem auch nur rudimentär geschulten Ohr fällt sofort auf, dass hier tatsächlich Björk nachgeifert wird. Die Hochglanzbilder im Booklet zitieren wiederum die isländische Halbgöttin, würden sich jedoch auch als Werbeplakat für ein Wellnesscenter gut machen. Björk würde sich ob der grauenhaft einfachen Konstruktion der Musik bzw. der stümperhaften Kopie ihrer selbst hoffentlich ärgern. Das Kopieren (bei uns in auch unter dem Begriff ’stehlen’ bekannt) gilt meines Wissens in China als legitimer Weg des Wissenserwerbs, entsprechend dürfte diesbezüglich kein Vorwurf gemacht werden. Tu ich trotzdem.
Da kann auch die Pferdekopfgeige den Karren nicht mehr aus dem Schlamm ziehen. Musikalisch ist Sa DingDing an Fadheit kaum zu überbieten. Für den Gipfel des Eisbergs sorgt ein selten auftretender, jedoch ansatzweise rappender Backgroundsänger. Soviel dazu.
Ethnologen dürfen getrost ihren Frust über den hier Schreibenden Kulturbanausen auslassen, chinesische Internet-Zensoren dürfen den Text vor ihren Landsleuten verbergen, jeder auch nur im Mindesten am musikalischen Geschehen interessierte Durchschnittseuropäer darf jedoch den Schluss daraus ziehen, dass sich die Investition in dieses Produkt schlicht nicht lohnt.
Seit 12. März 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Yun Yun Nan Nan
Diskographie:
> Alive (2007)
> Harmony (2010)
Ähnliche Künstler:
> ???
> Ace Of Base
2"Dr."
am Samstag, 17. April 2010 10:32
MIt ausschließlich europäischen Ohren zu bewerten und die ganzen Standards wie: Fad, Kopie, Zensur, Pferdekopfgeige und chin. Björk wiederaufgießen zu müssen ist für mich die selbe journalistische Liga wie Sa Dingding hier musikalisch vorgeworfen wird: Blubb. Ich bin zwar auch nicht hingerissen von ihrem Album, finde es aber im Vgl. zu den restlichen 80% des chin. Popmarktes doch durchaus, bis sehr hörenswert.
Klar auf den westliche Markt wird gezielt, doch der Track mit ihr als englische Erzählerin zeigt das bewusste Spiel mit dem Cliché.
Weniger die Pf.kpf.geige als der extensive Gebrauch der Pipa ist zu hören. Dies geschiet sehr geschmackvoll, mit viel Varianz und Bezug zum klassische Erbe des Instruments. Sogar die Mundorgel Sheng kommt an einer Stelle raffiniert zum Einsatz; leider natürlich aus fremder Feder.
Wang Fei brauchte man nicht erwähnen, aber Kenntnis andeuten schon.
Eher: Xinyuetuan "Beijing yi ye" und Oakenfold Remix erinnert krass an chemical brothers
3"Lieber Heinz"
am Samstag, 17. April 2010 17:05
Besten Dank für ihre Erläuterungen zu den verwendeten Instrumenten, ihr diesbezügliches Wissen beeindruckt mich als Gitarrenbanausen tatsächlich.
Bitte verzeihen sie mir meine europäisch verdorbenen Ohren und ihr Verhältnis zur Pferdekopfgeige. Eigentlich hätte ein Werk wie das hier vorgestellte Harmony den Weg in meinen CD-Spieler nie finden dürfen, denn alles andere als ein Totalzerriss wäre Verrat an meinen musikalischen Präferenzen gewesen. Die falsche Pferdekopfgeige beim falschen Schreiberling zur falschen Zeit...
...Trotzdem war es eine Wohltat, mal wieder ein paar ungezielt abgefeuerte Floskeln zu einem tatsächlich herausragend schlechten Produkt (im Vergleich zu der Fülle von sensationeller europäischer Musik) loszuwerden.
Mit Dank und Gruss