Der Song "Luberon" vom Album Finistra war ’unser Lied’ und ist seither unverrückbar mit Jugenderinnerungen verknüpft. Seither bewundere ich die Band in höchstem Masse. Sämtliche Outputs der Band gehören zu den meist gehörten und geschätzten Werken in meiner Plattensammlung. Entsprechend ist diese Kritik nicht objektiv. Das neue Album ist, wie alle anderen, perfekt.
Dieses startet mit "Staring at Open Skies" phänomenal. Eine ungeheuerlich wuchtige, breite Gitarrenwand macht sogleich klar, welche Band hier am Werkeln ist, das Schlagzeugspiel treibt den Song mit Hochdruck voran, darüber hört man langgezogene, dezente Synthieklänge, Kurt Ebehäusers Stimme ist wie gewohnt gleichermassen angenehm wie eigenwillig, dazu diese unvergleichlich Melodieführung. Kalte Schauer am ganzen Körper während knapp 4 Minuten, ein genüssliches Grinsen im Gesicht und den wohligen Gedanken: Jawohl, Scumbucket sind nach 5 Jahren zurück und noch immer die absolut heftigste Alternative-Band überhaupt.
"Con Moto" ist dann eine Spur ruhiger, das Hauptaugenmerk gilt der Melodie. Eine ebenso eindringliche wie zugängliche Hymne, wiederum dominiert von heftigem Schlagzeug und Ebelhäusers Gesang. Das Album bzw. die Band macht auf gleichem Niveau weiter, mit "Spitting Speed" ist auch der dritte Song geprägt von kaum fassbarem Druck, strotzt vor Ideen, wird kurz psychedelisch, dann akustisch schliesslich wieder bombastisch. Und langsam macht das Album mir Angst. Meine Erwartungen waren, wie immer, hoch; das Gehörte übertrifft diese jedoch um Längen. Bei "Kennedy's Blues" übernimmt Ur-Bassist Dylan Kennedy, der nach dem Projekt 'The Royal We' wieder zur Band zurückgekehrt ist, den Gesang. Und wie kanns auch anders sein: es funktioniert. Wie der Titel suggeriert, eine eher träge, schleppende, bluesige Nummer mit tieftraurigen Gitarrenklängen und wiederum eingängiger Melodie.
Auf "Call Me Anyone" bilden Kurts Bruder Carlos, Mario Matthias (Drummer von Blackmail), die grossartigen Zöglinge Ebelhäusers von Dioramic sowie Michael Fritsche einen Chor. Nicht nur aufgrund dieses Chors, sondern auch dank ausgiebigen Bläserparts erinnert der Song an Blackmail (übrigens gibt es diese schon wieder, mit neuem Sänger, das Album mit dem Arbeitstitel "Judas Love" sollte im Juli vervollständigt sein). Bei "Billy Rubin" findet man wiederum mehrstimmigen Männergesang, passagenweise wurde mit ordentlich Hall gearbeitet, der Refrain packt den Hörer an der Gurgel und schüttelt ihn kräftig durch, dazwischen neben erfrischenden Gitarrenspielereien die üblichen ’Hau-mich-weg’ Klangwände. Auch "Recoil", im Vers mit messerscharfen Gitarrensalven gespickt, geht direkt ins Genick, Hörvergnügen pur. Bei ’Fear Falls on Deaf Ears’ hat Carlos Ebelhäuser die Finger im Spiel bzw. den Bass in der Hand und trällert im Männerchor mit. Der Song gewinnt auf herrliche Art und Weise an Intensität, zum Schluss endet er in einem wunderbar heftigen Chaos. Mit ’Pray For The Devil Ray’ wird das Album – wie könnte es anders sein – pompös, ekstatisch, gewaltig beendet. Der vielleicht facettenreichste Song des Albums, sämtliche Qualitäten Scumbuckets innerhalb knapp sechs Minuten.
Tja, was lernen wir nun daraus? Die 5-jährige Wartezeit hat sich mehr als gelohnt; ’Sarsaparilla’ ist vielleicht nicht ganz so psychedelisch wie ’Finistra’ oder ’Aficionados’, nicht ganz so brachial wie "Heliophope bzw. –ia", nicht ganz so zugänglich wie "Kiss Than Kind’" man kann das Album jedoch als Quintessenz des Scumbucket’schen Schaffens betrachten. Vielseitig, wuchtig, gleichermassen düster wie eingänglich, grosse Melodien treffen auf noch grössere Sounds, halsbrecherische Energie auf zarte Finessen. Wer die Band noch immer nicht kennt und von sich behauptet, ein Kenner des alternativen Musikschaffens zu sein, lügt. Was der Pschyrembel für die Medizin ist, sind Scumbucket für Alternative Rock; Standardwerk.
Seit 16. April 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> Staring at Open Skies
> Con Moto
> Pray for The Devil Ray
Diskographie:
> Heliophobe (1997)
> Batuu (1998)
> Finistra (2000)
> Aficionados (2002)
> Dia Castado/Otro Día EP (2002)
> Kiss than Kind (2005)
> Heliophobia (2009)
> Sarsaparilla (2010)
Ähnliche Künstler:
> Blackmail