Letzte Woche bin ich umgezogen. Mein Zimmer kann sich
zwar nicht an „Ames Room“ messen, aber gewisse Vergleiche zur ersten
Platte der Norwegerin darf man sicher herstellen.
Vielleicht ging es Silje Nes ähnlich, als sie aus Leikanger, einem kleinen Ort inmitten der norwegischen Fjorde, in die Musikhochburg Bergen und dann ins grosse Berlin zog. Alle Eindrücke und Erinnerungen aus der Kindheit, und die zweifellos wunderschöne und traumwandlerische Landschaft hat sie in Gedanken mitgetragen und lässt sie mithilfe ihres Laptops, der neben einer Vielzahl von Instrumenten der dominate Eckpfeiler auf „Ames Room“ ist, ausleben.
Das Zusammenspiel zwischen kleinem Raum und grosser Welt erschliesst sich dem Hörer vom ersten Moment. Silje Nes nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise, in der der Teddybär eine Geschichte beginnt, jedoch vom Liebesbrief in der untersten Schublade unterbrochen wird. Sprunghaft lässt sie sich von Eindrücken gehen und ihre kindliche Stimme ist mal eine Wasserfee, die wie in „Drown“ unter einer Oberfläche aus blubbernden Geräuschen auftaucht, mal ein Waldgeist, der sich wie in „Giant Disguise“ hinter massiven Bäumen versteckt.
Melodien sind nur wenige auszumachen, trotzdem wirkt „Ames Room“ nie lose. Wenn man einen Schalter betätigt, gerät das ganze Zimmer in Bewegung. Meistens bleibt die Instrumentierung aber intim und leise; „Bright Night Morning” beginnt mit einem bekannten Schlagzeugrhythmus, lässt dann auf einmal jeden zweiten Schlag aus und zwingt den Hörer der kaum hörbaren Stimme zu lauschen. Auf einmal hat sie die Zeile gefunden “With a bike to remember / With a bike to go away” und wird deutlich. Auf “Recurring Dream” tritt mit dem Gesang eine Trompetenmelodie in Erscheinung, die sich vor lauter Übermut schnell wieder zurückziehen will. Dazwischen hat es immer wieder Filler, die die negative Bedeutung dieses Wortes aber so gar nicht erfüllen wollen und unserer Vorstellungskraft nur zugute kommen.
Es ist nicht leicht, alle Eindrücke aufzuzählen und auch die Machart hinter den Songs zu erahnen. Besonders geblieben sind der poppige Titelsong, der auf knisternden Beats und holpriger Strasse den Weg zurück in „Ames Room” erzählt, und das abschliessende „No Bird Can” schafft es Schreibmaschine, das Brummen eines Dampfschiffs und ein Vogelzwitscher zu vereinen.
Falls ihr in eurem Zimmer Kopfhörer findet, ist es höchste Zeit „Ames Room“ genauer anzuhören, denn so geniesst und erschliesst sich diese vielversprechende Platte am Besten. Ich werde sie im neuen Zimmer jedenfalls nicht so schnell verlegen.
Seit 11. März 2008 im Handel.
Anspieltipps: Over All, Ames Room, Giant Disguise, Bright Night Morning, No Bird Can
Trackliste: 1) Over All; 2) Drown; 3) Shapes, Electric; 4) Ames Room; 5) Giant Disguise; 6) Dizzy Street; 7) Long Shadows Left Around; 8) Bright Night Morning; 9) Recurring Dream; 10) Searching, White; 11) Magnetic Moments Of Spinning Objects; 12) Melt; 13) Escape; 13) No Bird Can
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Sigur Ros