Oder die slayer’sche Unterrichststunde in: Die Soziologie als ethnologisch inspirierte Sozialanthropologie.
Nun gut, das letzte Album „God Hates Us All“ erschien just am 11.09.01, die neue Single „Cult“ am 06.06.06 um 06:06:06 und das neue Werk wurde zu aller Güte sachgerecht „Christ Illusion“ getauft, da frag’ ich doch besser mal nach, ob denn hier jemand Angst vorm bösen Wolfe hat?
Ob all dieser vorgehenden Eruptionen noch eine Information des Guten, ja des Ungehörnten vorab: Dave „The Utimative Aussnahmeschlagzeuger“ Lombardo – mehrfach aus-, wie wieder eingestiegenes Gründungsmitglied von Slayer, einigen besser bekannt als Sparringspartner von Mike Patton bei Fantomas, hat das neue, gewohnt anti-christliche Teil miteingespielt! Ein Segen, wenn auch diese Floskel bzgl. Slayer reichlich unpassend erscheinen mag.
Slayer – und das seit jeher – sind der Inbegriff fetter Riffs, hoher Spielkunst (frühe Kritiker nannten den durch sie begründeten, oder mindestens stark mitgeprägten Musikstil schlicht Jazz des neuen Jahrtausends) sowie wirklich dumpfer Texte, deren kontinuierliche Stupidität seinesgleichen sucht.
Sinnentleert mögen letztere zwar nicht ausnahmslos alle sein, doch einerseits beschränkt sich der Themenkreis mitunter auf Hass, Religion, Krieg, Serienmörder, den Gehörnten wie den Gekreuzigten und andererseits werden sie inhaltlich derart einfachst dargetan, dass zerbrechliche Primarschüleraufsätze bezüglich Formulierung zu Stande halten vermögen (Kostprobe aus „Cult“: „...Religion Is A Whore..., ...The Pestilence Is Jesus Christ..., ...I’ve Made My Choice: Six, Six, Six.“).
Sehen wir davon ab – wie wir auch üblicherweise bei unseren Mitmenschen von einigem absehen – kann man weiter nur verneigt festhalten, dass Slayer eine schwer gute, wenn nicht sogar die beste Speed-/Thrash-Metalband unserer Zeit ist.
Ausserordentlichst an „Christ Illusion“ ist – wie bereits erwähnt – die Rückkehr Lombardos und ferner der Umstand, dass das Artwork zur Platte seitens Larry Carroll gestaltet wurde (wie zu Zeiten von „Reign In Blood“, „South Of Heaven“ oder „Seasons In The Abyss“). Weiter bemerkenswert bleibt, dass die Songs samt Texten mehrheitlich vom Mensch gewordenen Eber in Person – Mr. Kerry King – stammen, sowie dass einige Liedchen anstatt in der üblichen Halbton-, gleich in einer, einige Töne in Richtung Korn & Co., tieferen Stimmung angelegt sind.
Die beiden erstgenannten Aspekte können durchwegs positiv gewertet werden – obwohl ein verstümmelter Jesus Christus in einem Meer aus (seinem?) Blut und der darin wohl ertrinkenden Mutter Theresa und Konsorten als Cover-Graphik durchaus Geschmackssache sein dürfte (in Amerika jedenfalls hat die Doppelmoral bereits Alarm geschlagen). Ich find’s immerhin interessant und bemerkenswert, dass in Sachen Fantasie wenigstens die Künstler das Kinde im Erwachsenen zu wahren vermögen.
Etwas verunsichert haben mich hingegen die unzähligen Kerry King-Credits. Früher war es eben genau umgekehrt (und früher war ja schon immer alles besser): Mehr und meist gelungenere Jeff Hanneman-Songs und Texte. Doch Kerry King komponierte für „Christ Illusion“ gar nicht mal so schlecht, Gott sei Dank. Einen Leckerbissen noch hierzu: Hanneman stiftet zwar nur drei Songs bei, wovon zwei maximal teuflisches Mittelmass verkörpern, doch stammt schliesslich der beste Album-Track trotzdem von ihm: „Jihad“. Bemerkenswert aktuell, was aber am Inhaltsniveau wenig bis nichts ändert; musikalisch eine explosive Granate (oder ist das jetzt politisch inkorrekt)?
Allgemein als wenig gelungen erklingt mir jedoch das Anbiedern Slayers in der Tieftonregion der unterdessen doch recht leidigen Nu-Metal-Sektion. Der ansonsten eigentlich gut passende, eher hohe Araya-Gesang fuchtelt streckenweise zwar wild, aber dann doch etwas unangenehm neben den Tiefdruckgebieten; mitunter geht der Musikperformance zugleich ein Haufen an Präsenz, Druck und Schärfe verloren: Klang einer kettenrauchenden Schlammpackung.
Der Rest ist Programm und geht gar eher zurück zur „South Of Heaven“- oder „Seasons In The Abyss“-Ära, wobei einige schneller Tunes auch gut auf „Reign In Blood“ gepasst hätten. Alles in Allem, ein überzeugendes Album einer Spezies, die sich besser nicht zu weit von ihren Wurzeln dato 1982 wegbegeben sollte.
Seit 4. August 2006 im Handel.
Anspieltipps: Flesh Storm, Catalyst, Jihad, Supremist
Trackliste: 1) Flesh Storm; 2) Catalyst; 3) Skeleton Christ; 4) Eyes Of The Insane; 5) Jihad; 6) Consfearacy; 7) Catatonic; 8) Black Serenade; 9) Cult; 10) Supremist
similar artists: frühe Metallica, frühe Megadeth, ansonsten unerreicht
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Bio:
Kerry King (Guit.) gilt als der Hauptinitiant von Slayer. 1982 gründet er in Huntington Beach, Kalifornien mit dem ihm bekannten Tom Araya (Bass, Voc.), dem im selben Haus wohnenden Jeff Hanneman (Guit.) und Dave Lombardo (Drums) die revolutionäre Speed-/Thrash-Metalband. Ihr Warm-Up bestreiten sie als Coverband mit Punk- und Metal-Repertoire. 1983 entdeckt der Metal Blade Boss Brian Slegel Slayer eher zufällig an einem ihrer Konzerte. Er bietet ihnen an, einen Track für den Metal Massacre-Sampler beizusteuern, worauf ihn die Band mit „Aggressive Perfector“ dankend bedient. Noch im selben Jahr – und unter Regie von Slegel himself – produziert das Quartett schliesslich das heute wohl bekannte Debutalbum „Show No Mercy“.
Das Spiel mit den satanischen Symbolen, gepaart mit dem revolutionären Sound (wuchtiges Drumming, sägende Riffs, kreischende Solos zuhauf sowie der hysterische Schreigesang von Araya) verschafft der Band eine wohlwollende Aufmerksamkeit. Zwischen den alkoholgetränkten Touren entstehen nebenbei die heute vergriffene EP „Haunting The Chapel“ sowie das Live-Album mit sinnstiftendem Titel „Live Undead“. Der 1985er Release „Hell Awaits“ kündigt an, was noch kommen wird. 100'000 Alben verkaufen sich in Rekordzeit, was auf die Majorlabels ähnlich anziehend wirkt, wie Aas auf die Geier.
Zum ersten Mal betouren Slayer auch Europa (u.a. Dynamo Festival). 1986/87 stehen dann ganz im Zeichen des Bösen: Rick Rubin (damals bekannt für seine Produktionen mit Run DMC, Public Enemy und Beastie Boys) produziert zusammen mit dem Quartett das Slayer-Meisterwerk „Reign In Blood“. Mit diesen knapp 30 Minuten Ver- und Zerstörung erschaffen sich Slayer die ultimative Referenz. Weniger angetan ob des Produkts zeigen sich die Medien (unbeholfenes Spiel mit Symbolen der Nazi-Zeit, „Angel Of Death“) sowie die Plattenfirma selbst. Rubin setzt der leidigen Diskussion ein Ende und veröffentlicht eine der wohl bahnbrechendsten Metalplatten des Jahrhunderts via Def Jam Recordings, einem Rap und Hip Hop-Label.
Der Erfolg Slayers explodiert und Lombardo steigt kurzzeitig aus der Band aus. Rechtzeitig zur Produktion von „South Of Heaven“ 1988 ist er wieder zurück und Slayer beweisen, dass nach der vergangenen Sturmböe sehr wohl auch exquisites und langsameres Songwriting zu ihrer Begabung zählt. Mit „Seasons In The Abyss“ 1990 unterstreichen Sie dies nachhaltig und fassen 1991 ihr musikalisches Schaffen auf dem fantastischen Live-Album „Decade Of Aggression“ zusammen. Bis zum heutigen Tage bleibt dies der letzte gemeinsame Output mit dem Überschlagzeuger Dave Lombardo. Dieser steigt 1991 aus und vergnügt sich mit seiner eigenen Band „Grip“, mit Jazz (John Zorn) sowie mit Improvisation (Fantomas). Zwischenzeitlich veröffentlichen Slayer – nicht wenig erfolgreich – weitere vier Studioalben. Nach der Tour zu „God Hates Us All“ 2001 kehrt Lombardo erstmals für einige Live-Auftritte wieder zu Slayer zurück, bleibt und spielt das neue Album „Christ Illusion“ ein.
Diskographie:
> Show No Mercy (1983)
> Haunting The Chapel EP (1984)
> Live Undead (1984)
> Hell Awaits (1985)
> Reign In Blood (1987)
> South Of Heaven (1988)
> Seasons In The Abyss (1990)
> Decade Of Aggression – Live (1991)
> Divine Intervention (1994)
> Undisputed Attitude (1996)
> Diabolus In Musica (1998)
> God Hates Us All (2001)
> Christ Illusion (2006)