Genre: Noise Pop | Label: Sonic Youth Records/Naive (Musikvertrieb) | Unsere Wertung: 6.0/10
Wer ist Simon Werner?
Ein Lehrstück in Sachen Täuschungsmanöver: Sonic Youths neues Album, der Soundtrack zum französischen Teenie-Thriller „Simon Werner a disparu“, zersetzt die Spannung, die es erzeugt, im Handumdrehen.
Es ist nicht der erste Soundtrack, den Sonic Youth auf Albumlänge veröffentlichen, der erste allerdings, der auf dem bandeigenen Label erscheint. Dort kommt alles unter, was für den kommerziellen Markt zu sperrig wäre. So auch diese Auftragsarbeit, die rein instrumental gehalten ist und den Gesang oft durchs Klavier ersetzt. Wobei: „ersetzt“ ist das falsche Wort. Gesang wäre hier vermutlich völlig fehl am Platze. Denn die zwölf Stücke sind vor allem atmosphärische Untermalung. Der narrative Aspekt entfaltet sich über die Musik. Über akustische Standbilder, in denen Bewegung vor allem durch Technik entsteht: Zoom auf ein Detail, Totale, Kamera-Rundfahrt, Farbfilter etc. Den Film dazu stellt man sich, wenn man ihn nicht kennt, als abgründiges Schulhof-Kammerspiel vor, in dem Teenager reihenweise verschwinden, auf irgendeine andere Seite gelangen.
Bassist Mark Ibold ist nicht mehr mit von der Partie, die dunkle Seite entsteht durch dezentes Feedback, Übersteuerungen, kaum merkliche Verschiebungen in der Grundstimmung. Die Songs sind statisches Gerüst für alles, was in ihnen nicht vorkommt und der Vorstellung vorbehalten bleibt. Betitelt sind sie oft wie der erste knappe Teil einer Regieanweisung: „Jean-Baptiste à la fenêtre“, „Dans les bois“ oder „Au café“.
Dennoch handelt es sich nicht um reine Skizzen. Wie durchdacht die Stücke sind, zeigt sich beispielhaft etwa an „Chez Yves (Alice et Clara)“: Ein Beat, ein Riff und eine sich in die Höhe schraubende zweite Gitarre geben die Grundidee vor – bis dann die Drums aussetzen und den Weg ins Nichts freigeben, in die Rückwärts-Zersetzung der Struktur, in eine wabernde Geräuschlandschaft, die langsam ihrerseits Rhythmus gewinnt.
Wer bis hierhin gelesen hat, kann sich sagen lassen, dass bei „Simon Werner a disparu“ trotz all dieser unheimlichen und fintenreichen Dingen schnell Langeweile, ja sogar der Eindruck von selbstbeweihräuchernder Künstlichkeit aufkommen kann. Wer sich aber durch diese Klischeevorwürfe an Sonic Youth nicht abschrecken lässt, bekommt es mit 12 Stücken zu tun, die einen für die schwere Arbeit ihres Anhörens mitunter überraschend reich entlohnen. Und man fragt sich, wer denn dieser verschwundene Simon Werner wohl sein könnte.
Seit 25. Februar 2011 im Handel.
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Anspieltipps:
> Dans les bois / M. Rabier
> Les Anges au Piano
> Escapades
> Thème de Simon
Diskographie:
> Sonic Youth (1982)
> Confusion Is Sex (1983)
> Kill Your Idols (1984)
> Sonic Death (1984)
> Bad Moon Rising (1985)
> Made In USA (1986) (1994 wiederveröffentlicht)
> Evol (1986)
> Sister (1987)
> The Whitey Album (Enigma/Blast First) als Ciccone Youth (mit Suzanne Sasic, J. Mascis und Mike Watt) (1988)
> Daydream Nation (1988)
> Goo (1990)
>
Dirty (1992)
> Experimental Jet Set, Trash and No Star (1994)
> Screaming Fields of Sonic Love (1994)
> Washing Machine (1995)
> SYR1: Anagrama (1996)
> SYR2: Slaapkammers met slagroom (1997)
> SYR3: Invito al Ĉielo (1997)
> A Thousand Leaves (1998)
> SYR4: Goodbye 20th Century (1999)
>
NYC Ghosts & Flowers (2000)
>
SYR5: Kim Gordon mit Ikue Mori und DJ Olive (2000)
> Murray Street (2002)
>
Sonic Nurse (2004)
>
SYR6: Koncertas Stan Brakhage Prisiminimui (2006)
> Rather Ripped (2006)
> Destroyed Room: B-Sides and Rarities (2006)
> SYR7: J'accuse Ted Hughes (2008)
> SYR8: Andre Sider Af Sonic Youth (2008)
> The Eternal (2009)
> SYR9: Simon Werner a disparu (2011)
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Dinosaur Jr.
The Breeders
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