Stórsveit Nix Noltes regten uns an, einen ganz und gar friedlichen Dialog über die rätselhafte Band aus Island zu führen.
Philippe: Mich haben Stórsveit Nix Noltes ja vom ersten Moment an ziemlich überrascht. Ich habe unter dem Begriff Balkan Folk mehr etwas wie Beirut oder Hawk and a Hacksaw erwartet. Und dann kommt so ein Lärm...
Isabel: Auch ich hatte mit etwas völlig anderem gerechnet, die Lautsprecher schon mal aufgedreht und wurde dann regelrecht überrumpelt, lärmig indeed. Sieht bzw. hört man jedoch von den nervösen Drums, Synthies und was sich da sonst noch Lautes tummelt ab, erhält man eine Portion osteuropäische Leidenschaft, Mystik und Rage. Ich finde den Titel des Albums interessant, “Royal Family – Divorce“ ... das Album tönt doch ein wenig nach einer heftigen Scheidungs-Schlammschlacht, nicht? Ehepartner, die sich gegenseitig unter Brüllen Blumentöpfe anwerfen...und danach tanzen gehen.
Philippe: Ein schönes Bild, das du da beschreibst. Apropos interessante Partnerschaften: Teil dieser Big Band sind unter anderem Musiker von Benni Hemm Hemm, Sigur Rós und múm z.B. Kría Brekkan, ehemaliges Mitglied und die Frau von David Portner (Animal Collective). Ich glaube, dass es Ihnen in erster Linie darum geht, eine grosse Party zu veranstalten und Spass zu haben, indem sie als neue Besetzung alte Traditionals aus Bulgarien und dem Balkan umarrangierten...
Isabel: Wahrlich eine talentierte Big Band und wer würde schon vermuten, das hinter diesem Balkan Folk eine Gruppe Isländer steckt? Trotzdem will mich deren Musik nicht packen, für meinen Geschmack wirkt das Ganze zu festlich, teilweise übertrieben und langweilt mich sogar in gewisser Weise. Ich glaube Stórsveit Nix Noltes ist eine Band, die für mich nur live funktionieren würde, als Stimmungsmacher, eine Band, um zu trinken und das Tanzbein zu schwingen. Wie du sagst, sie wollen gemeinsam und ausgelassen ihre Instrumente spielen, die sie anscheinend hervorragend beherrschen. Wie geht es dir beim Hören von “Royal Family - Divorce“, sticht ein oder mehrere Lieder heraus oder tönt für dich alles ein wenig „zu ähnlich“?
Philippe: Wie du richtig gesagt hast, langweilen auch mich die Isländer. Dies liegt aber nicht unbedingt an der fehlenden Abwechslung, sondern eher an der unzumutbar extrovertierten Grundstimmung im Allgemeinen. Zwischen dem ewig nervösen Getanze und Gequengel, gibt es düstere, bisweilen auch grob destruktive Übergänge, die aber lustigerweise erst in den drei letzten Songs, die alle mit “Horo" benamst werden (in der bulgarischen Tanzfolklore nennt man so "Kreistänze"), ansprechend klingen. Balkan-Bands spriessen mit dem Frühling seit mehreren Jahren wie wild aus dem Boden, Stórsveit Nix Noltes machen zwar mit ihrer Bandbreite an Einflüssen und Ideen einen Unterschied, erwischen aber die Kurve nicht, ergreifend zu sein.
Isabel: Ich stimme dir zu, diesem Album fehlt das gewisse Etwas. Technisch kann man den übereifrigen Isländern nichts vorwerfen, ja man sollte sie gar loben, dass sie sich der Musik einer anderen Kultur bedienen und es vermögen eine solch authentische Stimmung zu erzeugen. Trotzdem wünschte ich, sie hätten stellenweise Zurückhaltung ausgeübt und einen tiefen Atemzug genommen.
Seit 13. April 2009 im Handel.
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Anspieltipps:
> Atmadja Duma Strachilu
> Kopanitsa
> Nevestinko Horo
Diskographie:
> Orkideur Hawai (2007)
> Royal Family: Divorce (2009)
Ähnliche Künstler:
> Beirut
> A Hawk & A Hacksaw
> Goran Bregovic
> Emir Kusturica
> Shantel