Dass man heutzutage nicht zwingenderweise eine Plattenfirma benötigt, um ein Album zu veröffentlichen und Erfolge einzufahren, beweisen die fabelhaften The Boxer Rebellion.
Nachdem vor längerer Zeit (2005) das ebenfalls sehr gelungene Debüt „Exits“ mit Hilfe von Alan McGee auf dessen Label Poptones veröffentlicht worden ist, fährt man 2009 eine andere Schiene. „Union“, das zweite Album der britischen Band, wurde per Do It Yourself-Methode Anfang des Jahres selbst vertrieben bzw. digital über iTunes veröffentlicht. Kurz nach Erscheinen stiegen Album und Single in den Downloadcharts immer weiter und weiter hinauf. Ein zweiter Anlauf für eine Band, die es zweifelsohne verdient hat, an ältere Erfolge und Höhenflüge anzuknüpfen.
Ziemlich prachtvoll legen The Boxer Rebellion im Eröffnungssong „Flashing Red Light Means Go“ los. Schlagzeuger Piers Hewitt schiebt den ansteigenden Song besonnen an, ehe sich die Stimme von Nathan Nicholson hinzugesellt. Überhaupt erweist sich Hewitt als echter Glücksgriff: Er schafft es, dem gesamten Material einen individuellen Anstrich zu verpassen, ohne sich großartig in den Vordergrund zu spielen. Lange dauert es nicht, bis die im Rotlicht schimmernden Melodiebögen und hallenden Gitarren sich ausdrucksstark entfalten und den Song in lichte Höhen schrauben. Ein schwelgendes Rockmanifest. „Move On“ steht dem in Nichts nach. Auch hier sind die Gitarren imstande Lichtfunken zu erzeugen. Die stürmische Single „Evacuate“ zeigt sich von einer aggressiven rockigeren Seite, während das anschließende „Soviets“ in rührend epischer Weite verweilt. An Erhabenheit kaum zu überbieten. Eine wunderschöne Ballade mit beinah pompösen Finale, in der Bassist Adam Harrison und wieder Piers Hewitt für eine griffige Rhythmik sorgen. Schon jetzt einer der schönsten Songs des Jahres.
“Spitting Fire“ spuckt heiße Glut auf Liebende und solche, die um eine Lüge nicht verlegen sind, während die Ruhepole „Misplaced“ und das an letzter Stelle platzierte „Silent Movie“ für bedächtige Momente sorgen. „The Gospel Of Goro Adachi“ wiederum experimentiert mit Loops, mittlerem Tempo und Elektronik. Einem Abrauchen in knisternde Sphärenhaftigkeit steht nichts im Wege. Kraftvoll und mit einem mitreißenden Refrain versehen, wehrt sich das wuchtige „Forces“ dagegen von dunklen Gefühlen übermannt zu werden, derweil „These Walls Are Thin“ mit seiner hypnotischen Eleganz sofort einlullt. Die wundervoll marschierende Halb-Ballade “Semi-Automatic“ würde auch Placebo sehr gut stehen.
Voll in Sound und Darbietung - The Boxer Rebellion zeigen Gefallen an weiten Klangkulissen, exquisiten Soundspielerein und kleinen Details. „Union“ begeistert. Die Songs wirken wie aus einem Guss, ohne auf einen Variantenreichtum und Tiefgang zu verzichten. Der Bass vibriert wohlig, die Gitarre flirrt wie schwülwarme Luft umher. Sänger Nathan Nicholson lässt in seinen düsteren Texten genug Spielraum für Hoffnung und eigene Gedanken. Bewegung taucht als Sinnbild in vielen Liedern auf. Meist in der Art, dass man von den Scherben der letzten Beziehung davonläuft oder sich auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit befindet. Oft gibt es auch Momente, in denen es aussieht, als würde die Band Songwritern wie Bob Dylan oder Johnny Cash Tribut zollen, in dem sie ihre Songs mit akustischer Gitarre anreichern, ohne wirklich unplugged zu sein. Auf epische Soundschichten wird nicht verzichtet. Das Resultat klingt zudem weder altbacken noch staubig, sondern ziemlich gelungen.
„Union“ ist vielseitig, evoziert verschiedenste Stimmung und wirkt dennoch einheitlich stringent. Zwischen avantgardistischem Rock, der in die Beine geht, Wave, Shoegazer und sphärischen Balladen ist alles vorhanden. Eine beachtliche Bandbreite, ohne dass die ureigene Atmosphäre zu einem Bruch gelangt. Mit viel Gespür zelebrieren The Boxer Rebellion Gefühle zwischen wohliger Melancholie und auflodernder Lebensfreude, zwischen Enttäuschung und Hoffnung. Die Melodien schweben noch höher als auf dem rockigeren Erstling „Exits“, die Songs klingen dringlicher und versierter.
Nach so viel Lob und Tadel ist eines sicher: Der Aufstand kann warten.
Seit 11. Januar 2009 über iTunes erhältlich
> Offizielle Webseite > MySpace
Anspieltipps:
> Move On
> Evacuate
> Soviets
Diskographie:
> Exits (2005)
> Union (2009)
Ähnliche Künstler:
> Placebo
> The Cooper Temple Clause
> Dredg