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The Jeffrey Lee Pierce Sessions Project – The Journey Is Long

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von Severin Kolb am Montag, 25. Juni 2012 in Neuerscheinungen   

Genre: Post-Punk, Country, Blues  |  Label: Glitterhouse (Irascible)  |  Unsere Wertung: 7.0/10

The Journey Is LongMuse aus dem Jenseits
Demofunde verstorbener Musiker sind nicht immer ein Segen. Oft ist die Qualität schlecht, die Songs unausgereift und sie sind nicht grundlos in der Versenkung verschwunden. Nicht so diese Bänder mit Jeffrey Lee Pierces Songskizzen, die von verschiedenen Musikern in 18 Songs umgewandelt wurden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Jeffrey Lee Pierce war eine jener faustischen Personen, die stets nach neuem Ausdruck suchen und in keinem Moment auf der Stelle treten. Gleichermassen an Prog Rock, Reggae, Delta Blues und der Geschichte des Krieges interessiert, war er einige Jahre lang Präsident des amerikanischen Blondie-Fanclubs. Punk war ihm genauso wichtig wie das Old Weird America, Realismus genauso wie archaisierende Romantik, Borroughs genauso wie Joyce. Pierces Songs spielen mit den Klischees von Blues, Country und Post-Punk, die sich in den Grundzügen verblüffend nahe stehen: Männlichkeit, Einsamkeit, Gewalt, Leidenschaft und die weiteren wirklich existentiellen Seiten des Lebens werden thematisiert – dabei transzendiert er sie, indem er sie stets ins leicht Surreale und Poetische wendet. Seine Songs sind ein Abbild seines Lebens, ständig oszillierend zwischen Höhen und Abgründen, zwischen Euphorie und Depression, Vulgarität und Poesie. Das brachte ihm den Ruf ein, eine Art Jim Morrison der 80er- und 90er-Jahren zu sein. Im Alter von nur 37 Jahren wurde er 1996 Opfer seines Lebensstils.

Tributalben sind die überflüssigste Erfindung der Popmusik. Die Herausgeber von „The Journey Is Long“ sind derselben Meinung. Wie schon auf „We Are Only Riders“ (2009), der ersten CD gefüllt mit gefundenen Pierce-Songs, sind keine minderwertige Coverbands versammelt, die die Songs ihres Helden sklavisch herunterbeten. Es handelt sich vor allem um Mitmusiker und Freunde des genialischen Songwriters, die sich vorwiegend bisher unveröffentlichten Stücken, die vor ein paar Jahren auf einem Dachboden gefunden wurden, annahmen. Trotz der vielen verschiedenen Interpreten bleibt das Album stilistisch einheitlich. Das mag daran liegen, dass die meisten hier vertretenen Musiker schon zu Lebzeiten mit Pierce kollaboriert und sich für dieses Album seine Stücke bewusst nicht „angeeignet“, sondern sie in Jeffrey Lee Pierce-Manier eingespielt haben. House-Versionen und elektronische Beats glänzen durch Abwesenheit.
Das Fundament für diese Kompilation bildet – wie für das Schaffen von Pierce generell –der Blues in allen Farben und Schattierungen. Das Album beginnt mit Nick Cave, den Pierce einst als seinen „wahrsten Gefährten“ bezeichnete. Wie zu erwarten, setzt er Massstäbe für den düsteren Ton des Albums. Steve Wynns Auffassung des Blues geht hingegen eher in die Richtung, die Bob Dylan auf „Time Out of Mind“ für das neue Jahrtausend re-aktualisiert hat. „The Jungle Book“, hier interpretiert von The Amber Lights, erinnert eine Schrecksekunde lang verblüffend an „Jungle Drum“ von Emilia Torrini, bis es sich in eine garagig rockende, schnoddrige Hymne mit Lou Reed-Snarl verwandelt, die keine weiteren Mowgli-Exotismen zulässt. Vertical Smile mit dem Killing Joke-Bassisten bringt einen leichten Wüsten-Industrial-Einschlag mit sich, der nach Ministry und „Lost Highway“ und seiner exzessiven, irrationalen Liebe und Begehren schmeckt. Überraschend ist auch Bertrand Cantats Beitrag. Rollende Basslinien, betrunkenes Genöle, Fiddle-Stereotypen, die sich aber nie in die erwartete Richtung entwickeln, sondern gespenstisch kreischen und plötzlich im Nichts verschwinden. Sein Gesang zeigt, dass es von Punk zu Country mit Outlaw-Einschlag nur ein Katzensprung ist.
An einigen Stellen klingt es, als würde nicht Musik entstehen, die durch Pierce beeinflusst ist, sondern die seine eigenen Wurzeln freilegt. So im Delta Blues-infiltrierten „I’m Going Upstairs“ von Hugo Race, das mit seinen Shouts und Stomps aus den 30er-Jahren stammen könnte. „In my Room“ von Tex Perkins zeigt den Künstler, wie er an der modernen Welt zugrunde geht. Auch die Musik ist mit den Jimi Hendrix/ Eric Clapton-Anleihen rückwärts gewandt, aber deswegen nicht weniger kraftvoll.
Das Album hat auch ruhige Seiten. Mark Lanegan und Isobel Campbell bieten einen der schönsten Songs ihrer Karriere. Hall- und Delay-Effekte präsentieren die Stimme von Mick Harvey auf dem Silbertablett. Besonders eindrücklich ist seine Version von „Sonny Boy“, die beängstigende Szenerien von ästhetisierter Gewalt zeichnet. Lydia Lunch haucht im Duett mit Barry Adamson geisterhaft in ihr Mikrofon und steigert sich bis in einen recht körperlichen Orgasmus. Nick Cave und Debbie Harry geben sich ein Stelldichein auf der Klavierballade „The Breaking Hands“, das auch aus der Feder von Lou Reed aus glorreichen „Transformer“-Zeiten stammen könnte. Den Rausschmeisser liefert das Jim Jones Revue in überdrehter Little Richard-Manier mit Jerry Lee Lewis-Tastentigereien.
„The Journey Is Long“ ist keine Revolution und verändert das Bild von Jeffrey Lee Pierce nicht nachhaltig. Den Machern ist aber ein liebevolles Porträt eines äusserst vielseitigen Musikers gelungen. Da darf die Reise gerne noch über eine, oder zwei CDs fortgesetzt werden.

Seit  30. März 2012 im Handel.

> Hören und Kaufen > Facebook > Label > CH-Vertrieb

Anspieltipps:

> Hugo Race – I’m Going Upstairs
> The Amber Lights – The Jungle Book
> Mark Lanegan & Isobel Campbell – The Breaking Hands

Ähnliche Künstler:

> Mark Lanegan
> Nick Cave & The Bad Seeds
> Greg Dulli
> The Twilight Sad
> Mick Harvey
> Lydia Lynch

Diskographie:

> We Are Only Riders (2009)
> The Journey Is Long (2012)
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