Warum
entrümpeln Leute ihre Dachböden? Cypress Grove für seinen Teil tat es,
um einen seelischen Frühjahrsputz zu veranstalten. Ob der gelungen ist
oder nicht, können wir nicht beurteilen. Doch was er dabei zu Tage
förderte und nun, Jahre später, in musikalische Kleinode verwandelt
unters Volk bringt, können wohl die wenigsten von uns hoffen, beim
Aufräumen zu entdecken. Unter viel Gerümpel fand sich ein Tape:
gemeinsame Demo-Aufnahmen von Grove und Jeffrey Lee Pierce.
Pierce war Sänger, Songwriter und einziges konstantes Bandmitglied bei
The Gun Club, einer Band, die ab 1981 Blues in Punk injizierte. Kennen
die wenigsten, auch der Autor nur namentlich. Ändern könnte sich das
aber nach Anhören von „We Are Only Riders“, einem Tribut-Album der
speziellen Art, das ein paar von Pierces Songideen zur Vollendung
bringt. Oder von der Bleistiftskizze zum Ölgemälde, wie Cypress Grove
schreibt.
Es handelt sich um 10 Lieder, von denen aber gleich drei je dreimal von
verschiedenen Künstlern interpretiert wurden. Beibehalten wurden meist
die Original-Bass- und Gitarrenspuren von Pierce und Grove. Dem
Vergleich ist also freie Hand gelassen. Sehr überzeugend startet es
gleich mit Nick Caves Version von „Ramblin’ Mind“, den
unvergleichlichen Barry Adamson wie früher bei den Bad Seeds am Bass.
Ein Blues, wie er kraftvoller kaum denkbar ist. Zum Glück klingt er nie
nach Cave-Eigenkomposition, was der Maestro schon klarstellt, indem er
seinen persönlichen Gesangsstil so übertrieben zur Anwendung bringt,
dass der Abstand deutlich wird. Der gleiche Song findet sich außerdem
noch in der beschwingteren Fassung von David Eugene Edwards (16
Horsepower, Woven Hand) und in einer spartanischen, letztlich der
besten, Hühnerhaut-Aufnahme von Grove selbst, zu der Cave die
Backvocals beisteuert.
Die Stars geben sich also die Klinke in die Hand. Kein Wunder, dass die
von Pierce verehrte Deborah Harry (Blondie) auch zwei Songs beisteuert,
deren gewaltige Mischung aus Empfindsamkeit und Kraft nur den
verwundern kann, der bei Blondie immer das Radio ausmacht. Außerdem
geben die Raveonettes eine absolut plausible Shoegazing-Fassung von
„Free to Walk“ zum Besten, für mich der heimliche Hit des Albums. Den
gleichen Song singen auch die unvermeidlichen Mark Lanegan und Isobel
Campbell, die nichts falsch machen können, sich aber nicht eben aus dem
Fenster lehnen und auf ihren gemeinsamen Veröffentlichungen
Spannenderes geliefert haben. Dazu gibt es noch Lydia Lunch, die hier
wesentlich mehr aus sich herausholt als ihre letzten Soloaufnahmen
hätten hoffen lassen und zum Finale über den vielleicht besten
Pierce-Song „Walkin’ Down the Street“ und eine leicht übertriebene
Big-Band-Kaskade croonen darf. Zu verdanken haben die Liebhaber
abgehangener Profi-Musik mit Vollrausch-Schlagseite und Kinnhakenkultur
diese Compilation dem Hause Gltterhouse Records, das sich seit Jahr und
Tag um verborgene Blues-, Country- und Rockabilly-Perlen verdient macht.
Wer hat jetzt noch Lust auf Frühjahrsputz? Bei mir gibt’s jedenfalls nix zu suchen.
Seit 11. Januar 2010 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > myspace > Label
Anspieltipps:
> Free to Walk (The Raveonettes)
> Ramblin’ Mind (Nick Cave)
> Lucky Jim (Deborah Harry)
> The Snow Country (Mick Harvey)