Genre: (Alternative-) Rock / Grunge | Label: Noisolution | Unsere Wertung: 8.0/10
Wahre Freude…
…verbreiten die 11 Songs des neuen Werks der Picturebooks aus Gütersloh. Genau so etwas hat der Rock schon lange nicht mehr erlebt. Eine Wohltat.
Die Vorurteile gegenüber Bürgern aus dem Mutterland der Bockwurst nehmen hierzulande in letzter Zeit beinahe groteske Ausmasse an. Mag ja sein, dass Deutsche aus Schweizer Sicht manchmal ein bisschen direkt, grobschlächtig oder harsch erscheinen. Bezüglich Musik muss jedoch betont werden, dass genau diese Eigenschaften nötig sind, um wirklich satte Rockmusik entstehen zu lassen.
So die Picturebooks. Diese sind 2009 wie aus dem Nichts aufgetaucht und lieferten mit „List of people to Kill“ ein vielgelobtes Debut ab. „Artificial Tears“ ist dessen Weiterentwicklung und hört sich in keinster Weise nach ’konventionellem Deutschrock’ an. Die haarigen, rauchenden Typen (wann sieht man heutzutage noch rauchende, haarige Kerle auf nem Cover…) fabrizieren durchwegs treibende, stampfende, kreativ komponierte und ebenso vorgetragene Rocksongs, welche Erinnerungen an verschiedenste Exponenten der letzten beiden Dekaden der Rockmusik zu wecken vermögen. Als jüngstes Beispiel ziehe ich die Raconteurs oder Danko Jones heran, ein paar Jahre zurück dürfen QOTSA („I’m drawing Hearts on Your Jeans“) genannt werden und nochmals ’ne Weile früher waren Nirvana („Running Out of Problems (You Can Have Some of Mine)“) am werkeln. All diese ungelogen grossen Namen haben das Schaffen der Picturebooks bestimmt mitbeeinflusst.
„Artificial Tears“ ist jedoch in keinem Moment eine Kopie oder ein Abklatsch ebenjener Namen. Vielseitig, kreativ, ungehalten und ohne Scheuklappen wird musiziert und experimentiert. So schreit der Song „Sensitive Feelings All Electric“ förmlich nach einem brachialen Gitarrenausbruch im Refrain, dieser wird jedoch gezielt vermieden. Erst gegen Schluss wird der Song dezent chaotisch. „Dance Tiger Dance“ ist psychedelisch und reduziert. „Kiss Me Goodbye“ bluesiger Stonerrock, wobei die Gitarre auf wunderbare Art und Weise gequält wird und bezüglich Gesang gegen Ende des Songs ein weiteres Mal scheue Erinnerungen an den grossen Kurt C. weckt. Der Titelsong „Artificial Tears“ geht via Ohr direkt ins Genick. Die Picturebooks bedienen sich zwar respektlos, jedoch auf höchstem Niveau an verschiedensten Stilen und kreieren trotzdem oder gerade deswegen einen unverkennbaren, angenehm druckvollen, eigenwilligen Sound.
Auf dem Album findet sich keine überflüssige Sekunde, jeder Song sitzt wie die Faust aufs Auge und fühlt sich genauso gut an. Zeitgemässe Rockmusik, schnörkellos, direkt, teilweise tanzbar, energiegeladen und rotzfrech. So macht Rock wieder Spass.
Seit 2. April 2010 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label
Anspieltipps:
> I’m Drawing Hearts on Your Jeans
> Artificial Tears
Diskographie:
> List of People to Kill (2009)
> Artificial Tears (2010)
Ähnliche Künstler:
> Queens Of The Stone Age
> Nirvana
> The Raconteurs
> Danko Jones