Wenn man nur aufgrund eines Namens eine Platte bestellt, kann man schon
mal leicht verlieren. "Tapes" ist ein Mixtape der vier Herren von The
Rapture aus New York, welches deren Einflüsse von den 70ern bis heute
zusammenfasst.
Der Schock sass tief als ich in freudiger Erwartung eines neuen Albums von The Rapture die Platte "Tapes" in den Player knallte. Doch anstatt frechen Elektrotanzpunks à la "Pieces of the People we Love" rappt mir direkt irgend ein ‘Geistergesichtstöter’ bzw. Ghostface Killah (ich kenn den doch tatsächlich noch aus alten Hiphop-Zeiten, trotzdem traurig) entgegen. Darauf folgen ein paar weitere knappe Breaks, Skills, Flows und Hooks, Hauptsache Old-School oder wie auch immer das Zeugs genannt wird. Mittlerweile löst amerikanischer Sprechgesang auf lahmen Polterbeats bei mir eine stark aversive Reaktion aus. Prompt sitzt meine Hose knapp oberhalb der Knöchel und ich frage meine Partnerin: ’Wotsch eis id Frässe, Mann?’
Gut, das war jetzt leicht übertrieben. Zum Glück hält dieser anfängliche Schock nicht lange an, denn die Platte verliert sich nach kurzem Hipgehoppe vorerst tief in der Discoszene Ende 70er Anfang 80er. Ich als bekennender Postrocker kann dies natürlich schlecht beurteilen, doch zu den bläsergespickten Funk-Beats könnte man bestimmt tanzen wie Teufel. Ich sehe Plateauschuhe, Afrofrisuren und enge Glitzer-T-Shirts vor mir, vielleicht auch Rollschuhe und farbige Tanzflächen. Titel wie "Disco Circus", "Fantasy Lines", oder "Club Soda" sprechen für sich, Austin Powers und Disco Stu sind jedenfalls bedient. Das steppt und funkt und tanzt und zeigt überdeutlich, woher The Rapture die Ideen für deren Eigenproduktionen haben.
Der Ausflug in die Vergangenheit wird schliesslich beinahe unbemerkt durch aktuelle Tanzmusik, sprich Elektro beendet. Die Beats werden trockener, der Gesang schwindet, die Atmosphäre wird leicht trister. Doch noch immer liesse sich das Tanzbein aufs heftigste dazu schwingen. Dann geht’s einmal quer durch die elektronischen Spielereien, mal Disco, mal Minimal, hier geflirrt, da gequietscht, dort am Beat gedreht. Paul Johnsons "Get Get Down" (hier im Extended Mix) dürfte ein Begriff sein. Tatsächlich beginnt das ganze, je mehr es in verklimperten Bastel-Elektro abdriftet, Spass zu machen. Da findet man allerschrägstes, todmodernes, wild drauflosgemixtes Elektroclashgestotter von völlig unbekannten Namen, die teilweise an DAT Politics, Hot Chip oder Justice erinnern. Prachtvolles Ende eines grauenhaften Anfangs.
Mein Wissen in diesem Genre ist beschränkt, entsprechend inhaltslos meine Analyse, dennoch haben wir es hier bestimmt mit einem abwechslungsreichen, vielschichtigen Album, welches einen guten Überblick über aktuelle und ehemalige tanzbare ’Untergrundmusik’ bietet, zu tun.
Natürlich nichts für Postrocker, doch bestimmt eine gewaltige Perle für Leute, die gerne vor oder vor allem hinter dem DJ-Pult stehen.
Seit 20. Oktober 2008 im Handel.
> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb
Anspieltipps:
> Don Armando’s Second Avenue Rumba Band – I’m An Indian Too
> Syclops – Where’s Jason’s K
> DJ Mujava – Township Funk
Diskographie:
> Echoes (2003)
> Pieces Of The People We Love (2006)
> Tapes (Sampler 2008)