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The Twilight Singers - Dynamite Steps

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von Severin Kolb am Freitag, 18. Februar 2011 in Neuerscheinungen   

Genre: Alternative, Indie Rock  |  Label: Sub Pop (Irascible)  |  Unsere Wertung: 7.0/10

Dynamite StepsGreg Dullis Ringen mit der Schattenwelt
Was tun, wenn die Welt Gomorrha gleicht und der Teufel hinter jeder Ecke lauert? Man verkriecht sich im Studio und schreit sich in den frühen Morgenstunden den Blues von der Seele. So jedenfalls Greg Dulli, der sich auf „Dynamite Steps“ eine weitere Selbsttherapie verordnet hat.

Es gibt eine kurze Zeitspanne zwischen Tag und Nacht, in der das Gefühl von Schönheit, Melancholie, Wehmut und Verzweiflung besonders unmittelbar zu erfahren ist. Die Welt erwacht langsam zu neuem Leben und nach einer schlaflosen Nacht mit ihren Fieberträumen deutet sich am Horizont ein neuer Morgen an. Der ehemalige Sänger der Afghan Whigs schreibt Musik für solche verlorenen Stunden.

Nichts mit einem gemütlichen Frühstück gemeinsam beim Tisch, bei Dulli geht es um die wirklich existentiellen Dinge. Schon in der zweiten Zeile des Albums nennt er seinen Feind, mit dem er auf ganzer Länge des Albums kämpft, beim Namen – den Teufel. Mal rennt er vor ihm davon, mal wird von ihm umgarnt, ringt mit ihm, kann ihm dann widerstehen, nur um wieder auf ihn reinzufallen. In der drahtigen Gestalt auf dem Cover des Albums, Peter Schlemihl, der Hauptperson in Adalbert von Chamissos romantischen Kunstmärchen, findet er einen Seelenverwandten. Wie Schlemihl, der auf einen Teufelspakt hereinfiel, wandelt Dulli auf dem schmalen Grat zwischen Traum und Wirklichkeit, Bei-sich-Sein und tiefer Verlorenheit. Immer wieder niedergeschlagen und am Ende seiner Kräfte, manchmal jedoch auch seltsam zuversichtlich, wie auf „Get Lucky“.

In jedem Moment wächst die Musik aus dem Trümmerhaufen vom Alternative Rock der 90er-Jahren. Dennoch ist Indie-Rock der Prägung Arcade Fire nicht spurlos an Dulli vorübergegangen und manchmal stösst er sogar in Richtung Folk und TripHop vor. Kleinere Exkurse in fernere Welten sind programmatisch für "Dynamite Steps", so als wolle Dulli neue Wege erschliessen und in Bereiche gelangen, in denen er noch nie war. Bereits der Opener „Last Night in Town“ beginnt mit einem stampfenden Synth-Wechselbass, der eher an die örtliche Disco oder an musealen Stadionrock denn als an Alternative erinnert. Auch sonst verwendet Dulli gerne Instrumente, die untypisch für das Genre sind. Das elektrische Cembalo im Titeltrack könnte genauso gut auf einen „DreamDance“-Sampler aus den 90er-Jahren gepackt werden, ohne dort fehl am Platz zu wirken. Eher unglücklich ist die Wahl des e-Pianos, denn es hört sich nach schrecklich billigem Plastik an. Besonders schade ist dies, weil Dulli wunderschöne Passagen dafür komponiert hat. Wie gut hätte doch ein uraltes verstimmtes Bar-Piano in das Gefüge des Albums gepasst und die Atmosphäre des Albums verstärken können! Manchmal scheint es, als sei Dulli in die Digital-Falle getappt und Klänge nebeneinander gepackt, die sich nicht wirklich gut durchmischen.

Dafür ist der Gesang Dullis unverkennbar. Wahrscheinlich gibt es keinen andern Sänger, der so konsequent neben den Tönen vorbeiheult und sie so steil ansingt, zutreffender gesagt, anheult als wäre er ein räudiger Köter. Bei den Afghan Whigs fiel dies nicht sonderlich auf, aber hier ist Dulli viel stärker exponiert und möglicherweise sind die Jahre nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Besonders spannend ist Dullis Stimme, wenn sie im Kontrast zu einer weiteren steht. Mit Mark Lanegan, Ani DiFranco und Joseph Arthur fand Dulli Musiker seines Schlages, die auch auf fremdem Terrain unter Beweis stellen, warum sie seit vielen Jahren zur Speerspitze alternativer Musik in den USA gehören. Vor allem Mark Lanegan passt mit seiner whiskeydurchtränkten Nölstimme perfekt zu den düsteren Schattierungen des Albums. Diese Kollaboration kommt nicht gerade unerwartet, denn beide Sänger arbeiten regelmässig unter dem Namen The Gutter Twins zusammen. Im Song „Blackbird and the Fox“ entspinnt sich zwischen Dulli und DiFranco eine Art „Die Schöne und das Biest“-Beziehung wie man dies von Mark Lanegan/Isobel Campbell oder Robert Plant/Alison Krauss kennt.

Auch nach zwei Jahrzehnten ist die Musik Dullis immer noch sehr aussagereich. Kein Wunder, dass es Leute gibt, die die Fackel dankend entgegengenommen haben. Insbesondere The National, deren aktuelles Album letztes Jahr bei uns und fast überall rauf und runter lief (und in den schweizerischen Albumcharts auf Platz 14 vorstiess), sind im Moment enorm erfolgreich mit artverwandter Musik. Gut möglich, dass es daran liegt, dass beide Bands aus Cincinatti, Ohio stammen. Bryan Devendorf, Drummer bei The National, nahm sogar Unterricht beim Drummer der Afghan Whigs. Der Hype um The National hat Dulli aber nicht dazu veranlasst, von seinem Weg abzukommen. Mit "Dynamite Steps" geht er vielmehr unbeirrt weiter, wie er dies in den letzten zwanzig Jahren schon gemacht hat und wird hoffentlich weiterhin dem Teufel von der Schippe springen.

Seit  14. Februar 2011 im Handel.

Übrigens: The Twilight SIngers spielen am 2. April in der Schüür in Luzern


> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Anspieltipps:
> Be Invited
> Blackbird and the Fox
> Never Seen the Devil

Diskographie:

> Twilight as Played By The Twilight Singers (2000)
> Blackberry Belle (2003)
> Black Is the Color of My True Lovers Hair EP (2003)
> She Loves You (2004)
> Greg Dulli's Amer Headlights (2005)
> Powder Burns (2006)
> A Stitch In Time EP (2006)
> Dynamite Steps (2011)

Ähnliche Künstler:
> The Gutter Twins
> Mark Lanegan
> Tom Waits
> Joseph Arthur
> The National
> Nick Cave & The Bad Seeds
> My Jerusalem
> Tindersticks
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