Als Geschichtslaie verzichte ich auf genauere Erläuterungen bezüglich der Puritaner des 17.Jahrhunderts. Die strenggläubigen Minimalisten massen dem Höllenfeuer, soweit mir bekannt ist, jedoch grosse Bedeutung zu. Hier widmen wir uns den selbsternannten ’neuen Puritanern’ aus Southend-on-sea, Grossbritannien. Diese sind jung, kreativ, eigenwillig und liefern mit ihrem zweiten Album ’Hidden’ eine ungeheuerlich gelungene Vertonung ebenjenes Höllenfeuers. Nach dem bedächtigen, mysteriösen Intro ’Time Xone’, welches aufgrund der Bläser scheu an Björks und Antony Hegartys Meiserwerk ’Dull Flame of Desire’ erinnert, wird mit ’We Want War’ sogleich aufs deutlichste und vor allem heftigste Stellung bezogen. Aus nervösen, flirrenden Synthies wird langsam ein aggressiver, hämmernder Beat aufgebaut, der Anhängern des bösen Raps genauso gefallen wird wie modebewussten Discorockern. Langgezogene, tiefe synthetische Klänge bilden einen breiten Teppich, leiser Sprechgesang wird von einer satanischen Stimme die ’We Want War’ flüstert, unterbrochen. Minimalistisch und trotzdem unwahrscheinlich dicht. Nach knapp vier Minuten verliert sich der Song in endzeitlich anmutendem, skurril verzerrtem, orchestralem Backgroundgesang. Jack Barnett beweist hierbei erstmals sein gesangliches Talent, während apokalyptische Bläser und unbequeme synthetische Klänge im Hintergrund für Unwohlsein sorgen. Ein 7.23 Minuten dauernder Januskopf von Song.
Mit ’Three Thousand’ folgt wiederum ein von terroristischem Beat dominiertes Stück. Dazu gleichmässiger, leiser Sprechgesang. Das klingt jetzt verdächtig nach HipHop, hat damit aber reichlich wenig zu tun. Manch ein Doppelreimer träumt vom solch heftigen und gleichzeitig vielgesichtigen Beats. ’Hologram’ vollzieht eine akrobatische Wende um 180°. Klaviergeklimper und Bläserklänge zu freundlich vorgetragener Indiemelodie, souverän gespickt mit irrwitzigen Ideen und wohligen Dissonanzen. ’Attack Music’ ist dann wiederum auf direktem Weg der Hölle entsprungen. Die Kombination von unwahrscheinlich schrägen Bläsertönen, einem Kinderchor im Refrain sowie dem monotonen Industrial-Beat sucht ihresgleichen. Burgess’ Alex und seine Droogs hätten 1972 von ’ultrabrutale’ gesprochen. ’Fire-Power’ erinnert dank repetative, gebetsmühlenartig vorgetragenen Vocals und Gitarrensalven an ’Numerology’ vom Debutalbum ’Beat pyramid’. ’Orion’ überzeugt dank jenseitig skurrilen Synthies, die wiederum eine Stimmung zwischen Verzweiflung und, dank klassisch anmutendem Chor, dezenter Hoffnung vermitteln. Musikalisch und in Bezug auf die Kreativität der Konstruktionen kann wiederum eine Brücke zu Björk geschlagen werden. Mit ’Canticle’ folgt ein kurzes, entspanntes und entspannendes Bläser-Intermezzo. Zeit, um etwas Luft zu schnappen, bevor ’Drum Courts – Where Corals Lie’ wiederum minimalistische, aggressive, zerstückelte Endzeit-Atmosphäre vermittelt. Nach 3 Minuten überrascht eine liebliche, wunderbar zärtliche Melodie. Der Kontrast zur Struktur des Songs könnte deutlicher nicht sein, trotzdem unterwirft sich die gesungene Zaubermelodie punktgenau dem Beat. ’White Chords’ macht danach einen Schritt in Richtung Indie. Eher ruhiger, freundlicher Gesang, radiotaugliche Klänge. Mit ’5’ endet das Album mit Glockenspiel, Bläserklängen und Frauenchor. Moderne Klassik.
Das ganze Album strotzt vor ungeheuerlicher Spannung. Fiese, untanzbare Beats treffen auf skurrile Sprechgesänge und Indiemelodien, dissonante Bläser- und Klavierklänge werden von teuflischen Synthies gejagt, Backgroundchöre von Gitarrensalven zerschossen. Der ebenfalls grossartige Vorgänger ’Beat Pyramid’ wird deutlich übertroffen.
Ein düsteres, verstörendes, komplexes, hochmodernes Meisterwerk alternativer Musik. Unfassbar und entsprechend faszinierend. Eine Gratwanderung zwischen experimenteller Kunst und exakt konstruierten Soundcollagen. Eine Kriegserklärung an den Pop. Sensationell.
Seit 21. Januar 2010 im Handel.
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Anspieltipps:
> We Want War
> Hologram
> Attack Music
> Fire – Power
> Orion
> Drum Ciurts - Where Corals Lie
Diskographie:
> Beat Pyramid (2008)
> Hidden (2010)
Ähnliche Künstler:
> Björk
> Xiu Xiu
> Blueneck
> Adult.
> She Wants Revenge
> Guerre Froide
> The Streets