Das mittlerweile siebte Studioalbum von Tracy Chapman bietet genau das, was man von ihr kennt, weshalb man sie schätzt und ihr zuhört. Aber kann es sein, dass das plötzlich zu wenig ist? Ist leise zu bedeutungslos und unaufdringlich zu farblos geworden? Die Versuchung ist vorhanden, die scheinbare Unantastbarkeit der Folksängerin zu zerstören, ein Denkmal zu entmystifizieren. Klar, da gibt es „Change“ und „America“, die sofort überzeugen, beide mit Red Hot Chilli Peppers Bassist Flea und gefälligen Melodien, aber was ist mit den restlichen neun Songs? Von Weltentfremdung, Armut und Gedankenlosigkeit, von Enttäuschung, Kummer und Zweifel ist die Rede, kurz: von den Problemen des Einzelnen und der Welt, in der er lebt. Meist in Metaphern gefasst, musikalisch gemäss der unerfreulichen Natur der Inhalte eher sparsam begleitet, mit Gitarre, Drums und manchmal Keyboard oder Piano. Diese Songs sind gewiss kein Feuerwerk der extravaganten Töne, aber zur reinen Unterhaltung war Tracy Chapman noch nie da. Wie es der Titel ihres 2000er Albums verrät, erzählt sie von Geschichten und Geschichte. Sie will etwas sagen, zum Nachdenken anregen, ein Bewusstsein für den Ort „Where You Live“ schaffen. Es sind die Gedanken des Hörers, welche die sonst nur halbfertige Scheibe komplettieren, denn ohne diese ist sie nicht viel wert, besteht nur aus „Change“ und „America“. Diese zwei Tracks sind sozusagen „Chapman für Einsteiger“. Sie verbinden die Botschaft mit locker-poppigem Folk. So leicht und souverän, wie diese beiden überzeugenden, massentauglichen Songs hier präsentiert werden, vermutet man beinahe, dass damit der Forderung des Labels nach Vermarktbarem Genüge getan wurde. Chapman könnte wahrscheinlich ohne Probleme ein ganzes Album dieser Art hervorbringen. Will sie aber nicht. Schliesslich wäre es auch fast zynisch, wenn man elf Songs über ernste Themen genüsslich konsumieren könnte, ohne darüber nachdenken zu müssen. Wenn auch einige Songs sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass kein Refrain, keine Melodie sich über die Spielzeit hinaus im Ohr festsetzen, so überdauern mindestens die Gedanken, die sie erweckt haben.
Zu „America“ sei übrigens noch gesagt, dass man es sich nicht zu leicht machen sollte. Wenn es da heisst „The ghost of Columbus haunts this world, `cause you`re still conquering America”, ist das mehr als eine weitere USA/Bush-Kritik. Vielmehr geht es um jede Form der rücksichtslosen Machtentfaltung und Unterdrückung. Ein Thema, das weit über Landesgrenzen oder unser Zeitalter hinausgeht.
Die 3.5 Sterne seien als Basis zu verstehen. Wer die Kunst des Zuhörens beherrscht, trägt die die zur Höchstwertung fehlenden 1.5 Sterne in seinen Gedanken.
Seit 13. September 2005 im Handel.
Anspieltipps: Change; America; Never Yours
Trackliste: 1) Change; 2) Talk To You; 3) 3,000 Miles ; 4) Going Back; 5) Don`t Dwell ; 6) Never Yours; 7) America; 8) Love`s Proof; 9) Before Easter; 10) Taken; 11) Be And Be Not Afraid
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> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > Label > CH-Vertrieb Bio: Tracy Chapman, 1964 in Cleveland, Ohio geboren, erhielt nach ihrem College-Abschluss ein Stipendium und studierte an der Universität von Medford Anthropologie und „African studies“. Geprägt von ihrer Herkunft aus einer Arbeiterfamilie und natürlich ihren Studien schrieb und komponierte sie eigene Songs an der Gitarre, die meist sozialkritische Themen anfassten. Ein Studienkollege mit Verbindungen zur Musikindustrie verschaffte ihr einen ersten Vertrag mit Elektra Records. Nach einem viel beachteten Auftritt am Open Air im Wembley Stadion, London schaffte Tracy Chapman 1988 den Durchbruch, ihr Debütalbum wurde zum Grosserfolg. Seither folgten sechs weitere Studioalben und 2001 das „best of“-Album „Collection“.
Diskographie: > Tracy Chapman (1988)
> Crossroads (1989)
> Matters Of The Heart (1992)
> New Beginning (1995)
> Telling Stories (2000)
> Collection (2001)
> Let It Rain (2002)
> Where You Live (2005)