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Tricky - Knowle West Boy

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von Rudolf J. Merkle am Mittwoch, 6. August 2008 in Neuerscheinungen   

Genre: Trip-Hop  |  Label: Domino (Musikvertrieb)  |  Unsere Wertung: 7.0/10

Knowle West BoyMusik mit Stimmung.
Tricky lässt sich nach längerer Absenz vermelden. Zwar bleibt er sich grundsätzlich treu, aber der Mikrokosmos des Wegbereiters des Trip-Hop klart auf. Er tut, was er kann, und er kann ordentlich, was er tut.

Geschätztes Auditorium,

in ‚Knowle West Boy’ merkt Tricky mit den Qualitäten auf, die ihm als Musiker von Anbeginn eigneten: Unterschiedliche Stile werden ohne Scheu in ein Gesamtkonzept integriert, mitunter gegeneinander ausgespielt, mitunter sich komplettierend. Allerdings wartet der Trip-Hopper der ersten Stunde mit einer neuen Seite auf, nämlich mit dem augenscheinlichen Bemühen um Eingängigkeit. Unseres Wissens erstmalig buhlt er mit etlichen Tracks geradezu unverhohlen mehrheitsfähig um die Sympathie der Hörerschaft.

Keine Angst, die Trutzburg Tricky hat nicht vollumfänglich die Waffen gestreckt, wie das knorrige ‚Coalition’ oder seine gehetzten Reggae-Sprech-Partien in ‚Bacative’ und ,Baligaga’ beweisen. In allerbester Trip-Hop-Manier, erweitert um eine unverkrampfte Rockattitüde, erinnert ‚C'mon Baby’ an das famose Programm der epochalen Liedsammlung ‚Maxinquaye’ (z. B. ‚Black Steel’). In die gleiche Kerbe haut die Single-Auskoppelung ‚Council Estate’, wo der Künstler, sagen wir es mit vornehmem Bedacht, sein bemerkenswertes Selbstvertrauen verdeutlicht: ‚Remember boy, you’re a superstar’.
Freundlich – was ist denn in den gefahren? – und unverkennbar bluesig geht’s im Opener ‚Puppy Toy’ zur Werke, eher folkig, gar verträumt kommt ‚Joseph’ daher, wobei im Hintergrund mit grosser Finesse Gitarren-Klangfragmente eingebracht sind, ein Muster notabene, das sich in ‚Far Away’ und ‚C'mon Baby’ wiederholt. Eingedenk der letzten Entwicklungen bei Massive Attack zeichnet sich die Tendenz ab, dass die E-Gitarre in Zukunft im Trip-Hop noch tragender sein wird – mitnichten ein Schaden. Ebenfalls pop-rockig beginnt das geglückt gecoverte ‚Slow’ der gleichermassen hübschen wie winzigen australischen Blonden mit der piepsigen Stimme, ihres Zeichens kürzlich zum Officer of the Order of the British Empire ernannt.

Leicht verzögert, mit Witz und Streicher, einem zentralen Merkmal in nicht wenigen Trip-Hop-Stücken, brummelt der Künstler aus Bristol zurückhaltend auf der Perle ‚Cross Bear’. Folgen wir hier dem offensichtlich beruhigten und beruhigenden Mastermind erfreut, langweilen wir uns desungeachtet mit ‚Past Mistake’ und dem unmittelbar folgenden ‚Coalition’: Die atmosphärische Grundintention verpufft allzu schnell, der filigrane Streichinstrumental-Abgang vermag nichts mehr zu retten. Als ärgerlich zu beurteilen wagen wir zudem den bereits erwähnten aggressiven Slang-Sprechgesang à la Raggamuffin in ‚Baligaga’ und in ‚Bacative’. Authentizität wird damit gewiss nicht erreicht; hierfür taugen die Texte weitaus mehr: ungewollte Schwangerschaften, Ausdruck einer wenig selbstkritischen Eigensicht, beidseitige physische Attraktion der Geschlechter, generelle religiöse und weltpolitische Reflexe in Wortfetzen, Isolation des Individuums etc.

Im vorliegenden Album bleibt sich Tricky in vier Aspekten treu resp. findet diesbezüglich zu alter Stärke zurück: Zum einen ist allen Songs ein stampfender Beat unterlegt, der diese originäre düstere Trip-Hop-Atmosphäre schafft und dem zu entziehen sich der Hörer ausserstande sieht. Zum anderen macht sich der in den USA lebende Brite einmal mehr ausgesprochen erfolgreich als Entdecker bis dato unbekannter weiblicher Sängerinnen verdient, die allesamt einvernehmen. Drittens schert sich der Boy aus ‚Knowle West’, einem Stadtteil im Süden von Bristol, wie immer einen Deut um jegliche Gattungsgrenzen. Wer schliesslich sein grösstes Talent ergründen möchte, der konzentriere sich auf die Sounds und vergesse für einmal sämtliche vokalen Parts – ein phasenweise brillantes Klangnetz umgarnt einen ein um’s andere Mal.
Der Eklektiker Tricky hat weitgehend auf Experimente verzichtet und ein solides klassisches Trip-Hop-Album ohne Schnörkel produziert. Nichts ist wirklich neu, vieles aber geruhsamer und lieblicher. Von einem Mann seines Renommees hätte man trotz alledem einige neue Impulse erwartet.

Unsere Ansicht: Man höre und beurteile all dieses selbst. Besten Dank für die ungeteilte Aufmerksamkeit.


Seit 11. Juli 2008 im Handel.

Anspieltipps: C'mon Baby, Cross to Bear, Far Away, Slow
Trackliste: 1) Puppy Toy; 2) Bacative; 3) Joseph; 4) Veronika; 5) C'mon Baby; 6) Council Estate; 7) Past Mistake; 8) Coalition; 9) Cross to Bear; 10) Slow; 11) Baligaga; 12) Far Away; 13) School Gates
similar artists: Massive Attack, Rare, Nicolette, Martina Topley Bird (Quixotic)

> Hören und Kaufen > Offizielle Webseite > MySpace > Label > CH-Vertrieb

Bio:
Der 1968 in Bristol als Adrian Thaws geborene Tricky gilt als eine der Ikonen des Trip-Hop, wobei er selbst Trip-Hop als Kategorisierung radikal ablehnt. Eigenen Angaben zufolge hat er eine relativ triste Kindheit in ärmlicher Umgebung und unter schwierigen familiären Verhältnissen verbracht. Seit seiner Jugend kommt er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Der zunächst im Umfeld der Gruppe ‚Wild Bunch’ (cf. Massive Attack) aktive Musiker gilt als schwieriger cholerischer Charakter und Eigenbrötler. Bekanntheit erlangte Tricky zunächst mit Massive Attack, auf deren beiden ersten Alben ‚Blue Lines’ und ‚Protection’ er seinen unverkennbaren Sprechgesang einbringt.
Nicht ohne Grund wird das Debüt ‚Maxinquaye’, auch ein kommerzieller Erfolg, als Trip-Hop-Meilenstein erachtet. Weniger düster als die Nachfolger, ist das hochgelobte erste Solo-Opus zwar stark vom Hip Hop beeinflusst, fusioniert nichtsdestoweniger mannigfaltige Musikstile zu einem recht eigentlich ‚coolen’ Werk. Die folgenden Publikationen sind zorniger, enthalten Punk- und Rock-Versatzstücke, sind kaum tanzbar und unzugänglicher. Die oben angezeigten 13 Tracks knüpfen zweifelsohne am Erstling an.
Seit geraumer Zeit ist Tricky, der ein eigenes Label gegründet hat, im Filmgeschäft tätig; u. a. spielt er in Luc Bessons ‚The Fith Element’ einen Bösewicht und feiert 2008 mit ‚Brown Punk’ seinen Regie-Einstand.

Tricky
Diskographie:
> Tricky VS Gravediggaz The Hell (12inch) (1995)
> Maxinquaye (1995)
> Nearly God (1996)
> Grassroots (EP) (1996)
> Pre-Millennium Tension (1996)
> Angels With Dirty Faces (1998)
> Juxtapose (1999)
> Mission Accomplished (EP) (2001)
> Blowback (2001)
> A Ruff Guide (Compilation) (2002)
> Vulnerable (2003)
> Knowle West Boy (2008)
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